Bericht der Neuen Zürcher Zeitung

Neue Zuercher Zeitung - Serap CileliNeue Zürcher Zeitung: Die Menschenrechtsaktivistin Serap Cileli hat sich mit 23 Jahren aus den Fängen ihrer Eltern befreit und ist so einer erneuten Zwangsheirat entgangen. Frei bewegen kann sie sich aber selbst bei ihrem Unicef-Besuch in Zürich nicht.

Der folgende Artikel ist am 20. Dezember 2012 in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.

Von Katrin Schregenberger

Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine mittelständische Mutter, vielleicht in Teilzeit noch berufstätig, aber ganz sicher ein gesittetes und unauffälliges Leben führend. Doch während man die Treppen dieses kleinen, fast altmodischen Hotels im Zürcher Niederdorf neben ihr hochsteigt, kleben die Fakten im Kopf fest: Serap Cileli ist in einem Personenschutz-Programm des deutschen Bundeskriminalamts. Keiner weiss, wo sie wohnt. Die Namen ihres Ehemannes und ihrer Kinder sind geheim. Drei LKA-Beamte stehen ihr zum Schutz zur Verfügung.

So unauffällig die Türkin mit ihrem freundlichen Lächeln wirkt, so reich wurde sie in Deutschland bereits dekoriert: Neben dem Bundesverdienstkreuz wurde ihr auch den Orden des Bundes deutscher Kriminalbeamter verliehen. Denn in ihrem Kampf gegen Zwangsheiraten kreuzen sich die Wege der Türkin immer wieder mit jenen der Kriminalpolizei.

Die gute Fee
Serap Cileli kämpft seit Jahren gegen Zwangsheiraten in Deutschland und der Schweiz. Da sie selber dem türkischen Kulturkreis entstammt, kennt sie die traditionellen Strukturen bestens. Und sie scheut sich nicht, Kritik gegen diese Strukturen öffentlich vorzubringen. So veranstaltete sie beispielsweise am 21. Januar 2012 einen Trauerzug in Detmold. Er galt Arzu Özmen, die von ihren Geschwistern umgebracht worden war; es handelte sich um einen sogenannten Ehrenmord. 2008 bereits gründete Cileli den Verein Peri e. V., zu Deutsch «Die gute Fee». Der Verein verhilft jungen Frauen, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen, zur Flucht.

Nun sitzt sie in der Hotellobby hier in Zürich, der Unicef hat sie zu einer Menschenkette auf der Rathausbrücke eingeladen. Hinter ihr hängen Bilder in Kollerscher Manier, Bilder von Kühen und Heuwagen. Die Weihnachtssterne machen den Hintergrund noch unpassender, der 46-Jährigen ist nicht besinnlich zumute. Kämpferisch ist ihr Blick, messerscharf sind ihre Sätze.

Wie eine Zwangsheirat abläuft, hat Cileli am eigenen Leib erfahren: Mit 12 Jahren wurde sie zum ersten Mal verlobt, der Verheiratung entging sie durch einen Selbstmordversuch. Mit 15 Jahren fuhr sie mit ihrer Familie in die Ferien, ihre Eltern liessen sie dort bei ihrem ersten Ehemann zurück. Sieben Jahre blieb sie in dieser Zwangsehe gefangen, bis sie bei ihren Eltern eine Scheidung erringen konnte. Diese hatten daraufhin schon den nächsten Ehemann ins Auge gefasst, da floh Cileli mit ihren beiden Kindern aus dem Elternhaus in die lange ersehnte Freiheit. Sie sagte sich von ihrem «Stiefvater» Allah los. Mit ihrer Familie hat sie keinen Kontakt, auch nicht zur ihrem damaligen türkischen Umfeld. Kurze Zeit später heiratete sie den Mann ihrer Wahl, einen Türken, den sie während ihrer Zwangsehe kennengelernt hatte.

Die Hüterinnen der Tradition
Cilelis Mann ist während des Gesprächs dabei. Er redet nicht viel, fotografiert stattdessen. Nur ab und zu wirft er einen Kommentar oder einen Satz in die Runde. «Abenteuerliches Leben», sagt er zum Beispiel, als Cileli von ihrem Alltag erzählt. Dass sie Sätze wie «Die Imams der Koranschulen in Deutschland vergiften unsere Jugend», oder «Die PKK ist eine mafiöse Organisation» sowohl Medien als auch Politikern gegenüber ausspricht, bringt ihr Tausende von Hass-E-Mails und Drohungen vonseiten türkisch-konservativer Vereinigungen ein. Der deutschen Politik kreidet sie an, dass sie deutsche Türken unter «Naturschutz» stelle. Die Politik – sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz – wolle ja nicht als ausländerfeindlich gelten und lasse diese Kulturkreise walten, wie es ihnen beliebe. Es gehe nicht an, dass in einem Rechtsstaat Verbrechen wie Ehrenmorde und Zwangsheiraten unter den Teppich gekehrt würden, sagt Cileli und bewahrt ihr Lächeln.

Zu einem – allerdings bitteren – Lachen wird dieses, als sie auf ihre Gegenspieler zu sprechen kommt. Nach jedem öffentlichen Auftritt bekomme sie Mails wie «Sie sind die grösste aller Schlampen» oder «Sie sind schlimmer als die NPD». Viele der Mails stammen gar von türkischen Frauen. Dies sei das Problem, sagt Cileli. Die Frauen seien schliesslich die Hüterinnen dieser Traditionen, denn die Mütter erziehen die türkischen Kinder.

«Tickende Zeitbomben»
Dass Cileli unter Personenschutz steht, zeigt, dass die Feindseligkeiten über reine Verbalattacken hinausgehen. Vor jeder Veranstaltung recherchiert die Polizei, ob auf islamischen Plattformen gegen Cileli gehetzt wird. Wenn die Menschenrechtlerin auftritt, sind immer Beamte anwesend. Einige Male schon war die Situation brenzlig. Einmal habe sie in einer gläsernen Bibliothek eine Lesung angekündigt, erzählt sie. Kaum dort angekommen, habe ein Grossaufgebot an Polizisten sie empfangen und angewiesen, in das Gebäude zu gehen. Um den Glasbau hatten sich gut 30 junge Türken versammelt. «Der Typ Schäferhund» sei es gewesen, junge Männer mit null Bildung. «Tickende Zeitbomben, die auf Knopfdruck zu allem bereit sind.» Erinnert sie sich an die wütenden Gesichter der Männer, bricht sie in schallendes Gelächter aus – wohl ihre Art, mit der über ihr schwebenden Gefahr umzugehen.

Nie geht Cileli alleine einkaufen. Immer sind ihr Mann, ihr Sohn oder Beamte dabei. Auch hier in Zürich weiss ihr Mann immer, wann sie wo ist. Nun ist ihr Lächeln verschwunden: Dies sei das Paradoxe, dies sei das Ungerechte. Sie habe sich zwar aus den Fängen ihrer Eltern befreit, doch wegen ihres Engagements werde sie von ihren Gegnern erneut quasi in ein Gefängnis gedrängt.

Wer der Frau gegenübersitzt, weiss, sie wird nicht aufhören, sie wird dieses Leben im goldenen Käfig in Kauf nehmen. Sie lässt sich nicht einschüchtern, und noch so viele Drohungen können ihr keine Angst machen. Dies jedenfalls ist der Eindruck, den sie hinterlässt, bevor sie wieder in der Anonymität ihres Alltags verschwindet.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 20. Dezember 2012

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