Erneuter Ehrenmord in der Schweiz

Ehrenmord in Basel - Serap CileliBasel: Ein türkisch-stämmiger Schweizer hat am 9. Dezember seinen Schwiegervater erschossen, sowie seine Frau und deren Mutter schwer verletzt. Nach bisherigen Ermittlungen soll der 29-jährige seine Tat vorher im Gespräch mit einem Bekannten angekündigt haben. Er fühlte sich offenbar in seiner Ehre verletzt. Seine Frau hatte ihn zuvor verlassen und auch die 18 Monate alte Tochter mitgenommen.

Es ist ein kalter Adventssonntag in der Schweiz. Ich befinde mich zum Zeitpunkt der Tat in Zürich auf einer Veranstaltung der UNICEF im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Dann ereilt uns die tragische Meldung: Erol B. richtet seinen Schwiegervater hin und verletzt seine Frau und deren Mutter schwer. Diese Nachricht erschüttert die anwesenden Veranstaltungsteilnehmer und mich sehr, und erinnert uns daran, dass wir noch einen langen Weg haben, um barbarische Taten wie diese zu verhindern.

Rückblende: Erol B. und seine 31-jährige Frau Zeynep sind gerade mal 1 Jahr verheiratet, als sie ihn verlässt. Nachbarn erinnern sich, dass Erol B. sie oft geschlagen habe, weswegen Zeynep mit der gemeinsamen Tochter über Wochen in ein Frauenhaus flüchtet. Als Erol B. endlich die Wohnung räumt, zieht Zeynep wieder nach Hause und wechselt aus Angst vor dem Gewalttäter das Schloss an der Wohnungstür. Mit der Unterstützung ihrer Eltern setzt Zeynep ein Besuchsverbot durch.

Ein Bekannter sagt aus, dass Erol B. sich oft beklagt habe, dass die Schwiegereltern die Beziehung zwischen ihm und Zeynep zerstört hätten. Am Tag des Mordes waren Zeyneps Eltern aus der Türkei zu Besuch in der Schweiz. Plötzlich erscheint Erol B. unangekündigt in der Wohnung und die Situation eskaliert. Der 29-Jährige zieht eine Handfeuerwaffe und schießt in seiner Rage im Dauerfeuer auf seinen 60-jährigen Schwiegervater. Die 58-jährige Schwiegermutter und Zeynep werden schwer verletzt und überleben den Mordanschlag nur knapp.

Einige Wochen vor der Tat soll der Täter mit dem Auto in die Türkei zu Verwandten nach Rize, nordosttürkische Stadt am Schwarzen Meer, gereist sein. Möglicherweise hat er sich dort die Tatwaffe besorgt und illegal in die Schweiz eingeführt.

Im Anschluss der Tat begibt sich Erol B. offenbar vor das Haus und feuert noch einige Schüsse in die Luft, so einige Augenzeugen. Barbara P., eine Nachbarin von Erol B. verständigt die Polizei und betritt die Wohnung von Zeynep. Sie greift sich die 18 Monate alte Tochter und bringt das Kind in Sicherheit. So rettete sie dem Mädchen vermutlich das Leben. Denn als sie wieder im Treppenhaus ankommt, steht plötzlich der Todesschütze Erol B. vor ihr. «Er zielte mit der Pistole auf mich und drückte ab. Aber es war keine Kugel mehr im Lauf», sagt Barbara P., noch immer unter Schock.

Erol B. rennt zurück auf die Straße hinaus und prüft seine Schusswaffe. Er bemerkt, dass das Magazin leer ist und setzt sich an den Straßenrand. Wenig später nimmt die Polizei ihn dort fest.

Im Bekanntenkreis des Schützen ist man am Tag danach schockiert, aber offenbar nicht überrascht. Bei einem Freund machte sich Erol B. im Vorfeld mehrmals Luft. Er konnte es nicht verkraften, dass ihn seine Frau verlassen hatte und die Scheidung wollte, so der Freund. Als seine Frau dann noch damit droht, ihm das Kind entziehen zu wollen, dreht Erol B. durch. Der Bekannte gibt zu Protokoll: «Er kündigte an, dass er seine Frau und die Schwiegereltern töten werde.»

Erol B. fühlt sich zu diesem Zeitpunkt allem Anschein nach bereits zu sehr in seiner Ehre verletzt. «Er schämte sich, dass ihn seine Frau verlassen hatte. So könne er sich nicht mehr in seiner Heimatstadt in der Türkei blicken lassen», sagt jemand aus dem Umfeld des mutmaßlichen Täters.

Die Tochter befindet sich gegenwärtig bei Verwandten der Mutter, die sich so lange um das Kind kümmern, bis Zeynep das Krankenhaus wieder verlassen kann.

Vor zwei Wochen schlägt bereits das Gerichtsurteil in einem anderem Ehrenmord-Fall hohe Wellen in der Schweiz. Der Pakistaner Scheragha R. tötete seine 16-jährige Tochter Swera mit 19 Beilhieben. Am 26. November 2012 veruteilte ihn das Schweizer Obergericht zu einer Haftstrafe von 13,5 Jahren.

Quellen:
Basler Zeitung
Badische Zeitung
Blick.ch
Hurriyet.com

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