Frauen gegen Frauen

TDF Schweiz - Serap CileliAm 11. Dezember 2012 führte der Schweizer Tagesanzeiger ein Interview mit mir.  Anlass war eine Unicef-Einladung im Rahmen der Kampagne «Gegen Gewalt an Mädchen».  Offenbar noch am gleichen Tag veröffentlicht Terre des Femmes Schweiz einen kritischen Leserbrief zu diesem Interview und hinterlässt einige offene Fragen und Verwunderung.

Milena Wegelin, Fachfrau Gender Based Violence von Terre des Femmes Schweiz, hat das Interview im Tagesanzeiger mit einigen «Korrekturen» ihrerseits kommentiert und für Verwirrung gesorgt. Meine Reaktion auf diesen Leserbrief unterteilt sich in zwei Teilaspekte: Zum einen die inhaltliche Kritik, für die ich stets zu haben bin und dankbar annehme, und zum anderen die Vorgehensweise von Frau Wegelin und der Subtext Ihres Leserbriefs.

Die inhaltliche Auseinandersetzung

So schreibt Terre des Femmes Schweiz:

«Sie (Serap Cileli) macht auch Aussagen in Bezug auf die Schweiz, doch diese sind leider nicht auf dem aktuellen Wissensstand. […] Ein Hinweis auf diese Publikation («Zwangsheiraten in der Schweiz», Anmerkung der Autorin) diente unseres Erachtens der Verbesserung der Situation weit mehr als vage Einschätzungen einer Aktivistin aus dem Ausland.»

Die Studie «Zwangsheiraten in der Schweiz», der Autorinnen Dr. Anna Neubauer und Prof.  Janine Dahinden, ist mir wohl bekannt. Leider lassen sich im Rahmen eines Interviews nicht immer umfangreiche Gesichtspunkte einbetten, zumal  die genannte Studie in der Schweiz bereits erschöpfend diskutiert wurde. Das weiß auch Frau Wegelin sehr genau, da sie nämlich selbst betont:

«[…] (es wurde) eine umfassende nationale Studie zum Thema publiziert, die auch medial breit diskutiert wurde.»

Auf die Frage des Tagesanzeigers, wie verbreitet Zwangsehen im Westen noch sind, lautete meine Antwort:

«Sie ist nach wie vor weit verbreitet. Für die Schweiz gibt es keine genauen Zahlen. Wir wissen aber von Anlaufstellen für Betroffene, dass sich wöchentlich vier bis fünf Frauen melden, denen eine Zwangsheirat droht.»

Diese Antwort bewertet Frau Wegelin als  «vage Einschätzung» und übersieht womöglich, dass selbst die Studie zu folgendem Ergebnis gelangt:

«Grundsätzlich ist aus einer statistischen Perspektive unmöglich, eine repräsentative Stichprobe von «Zwangsheiraten» zu generieren. Dies ist offensichtlich bei sozialen Phänomenen wie dem Vorliegenden nicht möglich, da die Dunkelziffer beträchtlich und nicht bekannt ist.»

Terre des Femmes Schweiz ist der festen Meinung, dass die Nennung dieser Studie mehr «der Sache» dient, als meine praktischen Erfahrungen aus mehr als 15 Jahren Betreuungsarbeit. Erneut scheint die Frauenrechtsorganisation ein wichtiges Fazit der Studie zu übersehen. So heißt es dort:

«Diese Umfrage ergibt, dass gut 56% der Fachpersonen sich bei Beratungen in Zwangssituationen mehr oder weniger macht- bzw.  hilflos fühlen. Die Überforderung ist verständlich: Die Großzahl von Involvierten hat mit der Thematik Zwangsheirat nur am Rande zu tun.»

Terre des Femmes Schweiz arbeitet primär auf einer strategischer Ebene. Sie betreibt insbesondere Lobbying auf politischen Plattformen, weswegen akademische Studien, Zahlen und Statistiken eher in ihr Instrumentarium passen. Ich hingegen verorte meine Arbeit an der Basis. Tag für Tag leiste ich mit meinem Verein Betreuungs- und Beratungsarbeit an der «Front». Wir generieren die praktische Expertise, auf die in der Studie verwiesen wird.

Besonders überrascht bewerte ich die Aussage von Frau Wegelin, dass es im Rahmen des Interviews wichtig gewesen wäre  «auch auf entsprechende Fach- und Beratungsinstitutionen hinzuweisen». Im gesamten Artikel durchzieht sich meine Betreuungs- und Beratungsarbeit, insbesondere mit meinem Verein peri e.V., der national und international mit zahlreichen Organisationen vernetzt ist und zusammenarbeitet. Bisweilen haben wir mehr als 800 Frauen und Männer betreut und vielen von ihnen ein neues Leben ermöglicht. Unter ihnen waren auch einige Betroffene aus der Schweiz!

Nebenbei bemerkt kommt auch die von Frau Wegelin so sehr betonte Studie zu folgendem Ergebnis:

«Im schweizerischen Kontext existieren weder auf nationaler noch auf kantonaler Ebene Institutionen, die speziell mit dieser Thematik (Zwangsehen, Anmerkung der Autorin) beauftragt sind oder einen Koordinationsauftrag hätten.»

Terre des Femmes Schweiz unterstellt dem Interview islamophobe Tendenzen. So heißt es unter anderem:

«Es ist sehr wichtig diese Tatsache hervorzuheben, weil das Phänomen sonst in eine kulturelle Ecke verbannt wird und bestimmte Gruppen – im vorliegenden Interview Personen mit muslimischem Hintergrund – stigmatisiert werden. […] Wir wünschen uns in diesem Sinne einen kritisch-informierten Journalismus, der pauschalisierende Aussagen von Gesprächspartner/innen offen hinterfragt.»

Diesen Vorwurf weise ich mich Nachdruck zurück! Es ist nicht meine Absicht eine Religion zu diffamieren, aber ganz sicher werde ich nicht barbarische Praktiken zu Gunsten der Wahrung von religiösen Gefühlen ignorieren. Ich lebe nicht nach dem Prinzip «Was nicht sein darf, kann auch nicht sein». Im Übrigen befördert auch die Schweizer Studie eines ganz klar an die Oberfläche:

«Bei Zwangsheirat und verbotenen Liebesbeziehungen sind vor allem junge Frauen ausländischer Herkunft zwischen 18 und 25 Jahren betroffen. Die Balkanländer und die Türkei machen dabei den Großteil aus.»

Dies vermag zwar keine direkte Verbindung zum Islam nachzuweisen, aber ein kategorischer Ausschluss religiöser Einflüsse fasst zu kurz. Es ist untragbar, wenn aus Rücksicht auf Religionen, Menschenrechte mit Füßen getreten werden. So erklärt Terre des Femmes Schweiz in einer Pressemitteilung: «Terre des Femmes Schweiz stellt sich gegen ein Burka-Verbot.» Als Begründung  geben sie an, dass Burkas eine Randerscheinung seien. Im Weiteren sei die Aufforderung an die Frau, ihre Burka abzulegen und damit Haut zu zeigen, ein Verstoß gegen ihre Menschenrechte. Das Thema würde instrumentalisiert werden, um anti-islamische Stimmung zu erzeugen, so Terre des Femmes Schweiz.

Die passende Antwort darauf hält Terre des Femmes Deutschland bereit:

«Nicht ein Verbot der Burka, sondern die Burka und der Zwang sie zu tragen sind eine Verletzung der Menschenwürde und der Menschenrechte. […] Ein weiteres sehr beliebtes Instrument, religiöse Traditionen und Werte wie die Burka oder die Vollverschleierung einer öffentlichen und kritischen Debatte zu entziehen, ist der Hinweis auf die “Verletzung religiöser Gefühle”. Hier muss deutlich gefragt werden: Was sind “religiöse Gefühle”? Und warum dürfen diese nicht verletzt werden? Stehen “religiöse Gefühle” über humanistischen Werten?»

Der Subtext von Frau Milena Wegelin

Kritik ist mein tägliches Brot. Seit ich mit meiner Tätigkeit begonnen habe, werde ich mit Beleidigungen und Vorwürfen konfrontiert. Kritik ist in Ordnung, solange sie konstruktiv und nachvollziehbar ist und vor allem: Wenn man auch den Mut hat, mir das persönlich zu sagen.

Leider hat es Terre des Femmes Schweiz versäumt, ihren Brief an mich weiterzuleiten. Letztlich schließt der Brief mich ein und stellt eine klare Kritik dar. Warum informiert man nicht? (Meine Stellungnahme wurde übrigens an Terre des Femmes Schweiz und Frau Wegelin weitergeleitet)

Warum weist der Leserbrief abweisende, ja gar feindliche Tendenzen auf, obwohl wir doch eigentlich für die gleiche «Sache» kämpfen? Wieso kritisiert Frau Wegelin, dass ich keine Institutionen genannt hätte und setzt den Begriff Anlaufstelle in Anführungszeichen, obwohl mein Hilfsverein mehrfach genannt wird? Wieso degradiert Frau Wegelin meine Expertise auf «eine Aktivistin aus dem Ausland»? Darf ich mich nicht für die Rechte der  Frauen im Ausland einsetzen? Und warum unterstellt Terre des Femmes Schweiz mir pauschalisierende Aussagen? Fragen über Fragen, doch die Antworten bleiben Frau Wegelin und Terre des Femmes Schweiz mir noch schuldig.

Das ist leider eine traurige Erfahrung, die ich oft machen muss. Frauen arbeiten oft gegeneinander statt miteinander. Wenn eine Mitstreiterin mal nicht passt, dann wird genau hingeschaut, welche Fehler gemacht werden, um diese dann auszuschlachten.

Kritik? – Ja, bitte! Aber die Art und Weise, wie sie von Frau Wegelin und Terre des Femmes Schweiz betrieben wird, ist unprofessionell, ungeschickt und frauenfeindlich.

UPDATE: Inzwischen hat sich Terre des Femmes Schweiz geäußert. Ihre Antwort können Sie hier als PDF-Datei nachlesen.

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