Interview im Tages-Anzeiger

Schweizer Tages-Anzeiger Serap CileliIn der Schweiz melden sich wöchentlich Frauen bei Anlaufstellen, denen eine Zwangsheirat droht. Die Unicef will das Thema heute in Zürich in Erinnerung rufen. Auch durch Betroffene wie Serap Çileli.

Das Interview wurde vom Schweizer Tages-Anzeiger geführt und am 10.12.2012, um 16:21 Uhr veröffentlicht:

Frau Çileli, Sie nehmen heute in Zürich an einer Veranstaltung der Unicef teil, die auf das Thema Gewalt an Mädchen aufmerksam machen will. Mit ihrem Verein Peri helfen sie muslimischen Mädchen, denen Zwangsheirat oder gar Ehrenmord droht. Wie weit verbreitet ist diese Thematik in westlichen Ländern im Jahr 2012 noch?
Sie ist nach wie vor weit verbreitet. Für die Schweiz gibt es keine genauen Zahlen. Wir wissen aber von Anlaufstellen für Betroffene, dass sich wöchentlich vier bis fünf Frauen melden, denen eine Zwangsheirat droht. In Deutschland gab es 2008 eine Studie zum Thema. Diese zeigte auf, dass es alleine in jenem Jahr zu 3500 Zwangsverheiratungen kam. Das jüngste Opfer war 9 Jahre alt. In den meisten Fällen betrifft es aber junge Frauen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren. Bevor diese erwachsen werden, sollen sie so schnell wie möglich an den Mann gebracht werden. Aus Angst, sie könnten einen falschen Weg einschlagen, der den Ehrenvorstellungen der Familie widerspricht.

Sie selbst sollten in Deutschland mit 12 Jahren zum ersten Mal zwangsverheiratet werden. Wie haben Ihre Eltern Sie damit konfrontiert?
Es war bei mir gleich wie in vielen typischen Fällen. An einem Wochenende war plötzlich eine wildfremde Familie bei uns, die wir bewirtet haben. Mir fiel schon auf, dass da neben älteren Leuten auch ein junger Mann dabei war. Als die Familie wieder ging, kam meine Mutter zu mir und informierte mich, dass ich nun verlobt sei. Mit einem Mann, den ich nie zuvor gesehen hatte.

Wie reagierten Sie darauf?
Einerseits war ich ja noch ein Kind, andererseits wurde ich ja auch in der Erziehung darauf vorbereitet, dass dies eines Tages kommen wird. Aber ich war trotzdem empört, habe geweint und geschrien. Ich versuchte ihnen klarzumachen, dass dies absolut gegen meinen Willen geschieht. Aber man hat mich einfach in mein Zimmer gejagt. Ich durfte nicht gegen den Befehl meines Vaters aufbegehren.

Als letzten Ausweg haben Sie einen Suizidversuch verübt, um nicht heiraten zu müssen. Hat dies Ihre Eltern dazu bewogen, Ihre Vorstellungen zu überdenken?
Nein. Als ich vom Spital nach Hause kam, begegnete ich erst häuslicher Gewalt vonseiten meines Vaters. In seinen Augen hatte ich seine Ehre beschmutzt, weil ich mir vor den Augen meiner Schwiegereltern das Leben nehmen wollte. Für ihn gab es nur eine Lösung: Die Ehre sollte mit einer erneuten Zwangsheirat wiederhergestellt werden. Zudem wurde ich damit bestraft, dass der neue Mann in der Türkei lebte. Ich also von Deutschland und meiner Familie wegziehen musste.

Ein Extremfall?
Das ist eine typische Reaktion: Wir erleben in unseren Beratungsgesprächen immer wieder, dass Mädchen, die wegen einer Zwangsheirat von zu Hause ausreissen, dafür bezahlen müssen, wenn sie wieder heimkommen. Die jungen Frauen können sich oft nicht vorstellen, dass die eigene Familie ihnen etwas Böses antun will. Aber die Realität sieht anders aus. Wenn man die Normen nicht befolgt, kann es im Extremfall gar zum Ehrenmord kommen.

Was geht in einem emotional vor, wenn man plötzlich bei einem wildfremden Mann lebt? Man fühlt sich hilflos und kann sich nicht wehren. Ich wusste vom ersten Tag an, dass ich irgendwie ausbrechen muss. Ich konnte den Mann nicht leiden. Aber ich war ganz alleine in einem fremden Land. Zudem war mein Mann gewalttätig, aber ich konnte damit nicht zur Polizei gehen. In der Türkei steht man in solchen Fällen hinter dem Mann. Das Land ist durch und durch patriarchisch geprägt. Zudem steht man unter ständiger Kontrolle durch die Familie und kann sich nicht frei bewegen. Schliesslich ging es mir so schlecht, dass ich meinen Eltern mit Suizid drohte, sollten sie nicht in eine Scheidung einwilligen. Sie brauchten lange, bis sie dies taten und ich nach Deutschland zurückkonnte. Sieben Jahre war ich mit dem Mann verheiratet.

Als Sie zurück in Deutschland waren, wollte Ihr Vater Sie erneut verheiraten. Da flohen Sie in ein Frauenhaus. Waren die Sozialarbeiter auf ein Schicksal, wie das Ihrige, vorbereitet?
Überhaupt nicht. Auch heute ist das ein grosses Problem. Den Sozialarbeitern fehlt das Wissen über die andere Kultur, um helfen zu können. Das macht es auch für die jungen Frauen schwierig. Sie fühlen sich oft unverstanden. Deshalb kehren auch 50 Prozent der Mädchen zurück zu ihren Familien. In meinem Fall war auch klar, dass ich den Kontakt zu meiner Familie komplett abbrechen musste. Sie versuchten mich zu finden und hatten mir mit dem Tod gedroht, sollte ich die Ehre meines Vaters nicht wiederherstellen.

Wie kann man Betroffenen denn helfen?
Beim Verein Peri haben wir in ganz Deutschland ein Netz von Pflegefamilien aufgebaut. Wenn sich ein Mädchen an uns wendet, stellen wir einen Fluchtplan auf, das Mädchen wird von uns abgeholt und zu einer Pflegefamilie gebracht, die möglichst weit entfernt von der Familie des Opfers lebt. Aber das Ganze beginnt schon viel früher: Ich spreche mich sehr dafür aus, dass Angestellte von Frauenhäusern ihre Angebote auch in Schulen bewerben. Viele Mädchen kennen diese Einrichtungen heute gar nicht. Das gilt übrigens nicht nur für Musliminnen, sondern auch für viele deutsche Teenager.

Von Zwangsheiraten sind stets ja auch Männer betroffen. Suchen diese ebenfalls nach Hilfe bei Peri?
Ja, die gibt es. Seit wir den Verein 2008 gründeten, haben wir neben 800 Frauen rund 60 Jungen und Männer beraten. Der Jüngste war 16 Jahre alt, der Älteste 49. In sämtlichen Fällen hatten diese eine deutsche Freundin, sollten aber eine traditionelle Ehe schliessen.

Heisst das, die Männer erleben eigentlich die gleiche Gewalt?
Das jüngste Opfer beschrieb uns das sehr deutlich in einer E-Mail. Er müsse nun mit seiner Cousine schlafen, obwohl ihn dies abstosse. Auch er erlebte das als Gewalt. Dennoch muss man sagen, dass den Männern in dieser Situation mehr Freiheiten zugestanden werden. Sie können sich frei bewegen, werden weniger kontrolliert. Oft dürfen sie neben ihrer Ehefrau auch andere Frauenbeziehungen eingehen. Hier herrscht eine klare Doppelmoral. Auch häusliche Gewalt erleben sie nicht. Man muss also klar sagen: Die Frauen leiden am meisten.

Viele muslimische Familien leben nun seit Generationen in Deutschland oder der Schweiz. Hat bei ihnen in der Zwischenzeit ein Umdenken stattgefunden?
Meine Meinung ist klar: Nein, dies hat nicht stattgefunden. Zwar werden Zwangsheiraten und Ehrenmorde heute von den Medien thematisiert, und viele Hilferufe von Betroffenen kamen erst, als sie merkten, dass es auch Angebote für sie gibt. Aber die Berichterstattung hat auch eine negative Seite. Bei vielen Mädchen ist die Angst vor Gewalt oder Ehrenmorden nun fast noch grösser geworden. Zudem bieten nun plötzlich auch Moscheen Beratungen für Zwangsverheiratete an, oft mit finanzieller Unterstützung des Staates. Was den Frauen dort geraten wird, braucht man nicht weiter auszuführen. Die Frauen gehen alle zurück zu ihren Ehemännern.

Das heisst, auch die jüngeren Generationen geben keinen Anlass zur Hoffnung?
Die Wahrheit ist, dass die dritte und vierte Generation heute oft noch konservativer ist, als die erste, die in den Westen auszog. Viele orientieren sich klar an der Scharia, selbst bis in akademische Kreise. Über Internet und ausländische Fernsehsender können Botschaften von radikalen Predigern in jedes Wohnzimmer flimmern. Und die Moscheen in Deutschland wie in der Schweiz stehen ein für einen politischen Islam, der die Scharia verbreiten will. Ich will nicht pessimistisch sein, aber wenn sie die Wahrheit hören wollen, so muss klar gesagt werden, dass sich die Situation kaum verbessern wird.

Quelle: www.tagesanzeiger.ch

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