Verschleppt, verheiratet und vergessen – das tragische Schicksal einer jüngen Türkin

Serap E. und ihr Sohn SuatSerap E. wird mit 19 Jahren von ihrem Vater in die Türkei verschleppt und gegen ihren Willen verheiratet. Er nimmt ihr den Reisepass weg und überlässt sie ihrem neuen Schicksal an der Seite eines fremden Mannes. Die einzige Unterstützung, die sie erhält, ist der engagierte Einsatz der deutschen Familie Selka, die Serap bei ihrem Türkeiurlaub zufällig kennenlernt.

Am 27. Januar 1988 wird Serap in Freudenstadt geboren. Ihr Vater Zafer E. ist in der Automobilbranche beschäftigt und ihre Mutter Serife E. ist Hausfrau. Die Familie ist sehr traditionell und religiös. Zafer E. ist ein sehr strenger Patriarch, der seine Tochter strikt nach der islamischen Lehre erzieht. Serap macht 2003 ihrem Hauptschulabschluss und absolviert anschließend 2006 eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin.

Im August 2006 fliegt Familie E. in die anatolische Stadt Nevsehir, um Urlaub zu machen. Nur diesmal soll Serap nicht zurückkehren. Ihr Vater beschließt sie zu verheiraten. Zafer E. überlässt seine Tochter der Aufsicht der Oma und seines Bruders Muchard E. und reist wieder nach Deutschland zurück. Im Auftrag des Vaters nimmt Seraps Onkel ihr den Reisepass ab und will ihn erst dem neuen Bräutigam aushändigen, dem zukünftigen «Besitzer» von Serap.

Täglich werden ihr fremde, ältere Männer vorgestellt, die sich für die «Ware aus Deutschland» interessieren. Es wird geschachert und gefeilscht, doch Serap weigert sich und wird unter Druck gesetzt.

Etwa ein halbes Jahr später gibt sie nach und heiratet im Januar 2007 Sedat A. Mitte des Jahres 2007 nimmt Serap ihren Mut zusammen und reist wieder zurück nach Deutschland, doch ihr Vater bleibt hart. Er droht ihr und schickt sie zurück zu ihrem Ehemann in die Türkei. Serap gehorcht aus Angst und kehrt zurück nach Nevsehir.

Im Januar 2008 bringt Serap ihren Sohn Suat zur Welt, der als Frühchen in Tübingen entbunden wird. Erneut pocht ihr Vater darauf, Serap zurück zu ihrem Mann Sedat A. in die Türkei zu schicken. Ihre Eltern streiten sich jeden Tag und wollen sie und ihr Kind nicht länger im Haushalt haben. Ihr Vater besteht auf ein Zusammenleben mit ihrem Ehemann, obwohl er weiß, dass Sedats Einreise verweigert wird. Die Finanz- und Wohnsituation werden unerträglich. Nachdem auch die deutschen Behörden Serap ihre Hilfe verweigern, bleibt der eingeschüchterten jungen Frau nichts anderes übrig, als zurück in die Türkei zu reisen. Ihr Vater meldet sie ohne ihr Wissen beim Einwohnermeldeamt ab. Beide Eltern verweigern eine Rückkehr in die elterliche Wohnung. Die Mutter bricht den Kontakt zu ihr gänzlich ab. Im Mai 2008 ist Serap wieder in der Türkei.

Im Jahr 2011 reist die deutsche Familie Selke in die Türkei, um im anatolischen Raum Urlaub zu machen. Dort lernen sie zufällig Serap und ihren Suat kennen und erfahren von ihrer tragischen Geschichte. Petra und Andreas Selka beschließen ihr zu helfen und können nicht ahnen, welche Konsequenzen das für sie haben soll.

Im Dezember 2011 sprechen sie mit der Botschaft in Ankara und auch mit der zuständigen Ausländerbehörde in Dessau, um alles Nötige in die Wege zu leiten.

Am 23. Dezember 2011 erklärte die Botschaft in Ankara, die Prüfung des Sachverhaltes habe ergeben, dass das Kind nicht deutscher Staatsbürger sei, und entzieht dem damals 3-jährigen die deutsche Staatsbürgerschaft. Als Begründung gibt die Behörde an, dass die Mutter zu lange in der Türkei verweilt habe. Dass Serap nicht freiwillig in der Türkei war, scheint die Botschaft nicht zu interessieren.

Im Januar 2012 schickt das Ordnungsamt einige Beamte zum Wohnort der Familie Selke. Ihr Grundstück wird durchsucht und Nachbarn verhört. Die Behörden vermuten, dass Familie Selke das 3-jährige Kind illegal nach Deutschland gebracht habe.

Am 17. Januar 2012 stellt Serap erneut einen Antrag bei der Botschaft, welcher bis heute nicht beantwortet wurde. Die Botschaft schweigt zu dem Antrag. Einen Rückkehrerantrag dürfen nur Personen bis zum 21. Lebensjahr stellen. Serap ist mittlerweile bereits über 24 Jahre alt und benötigte eine Sondergenehmigung der Botschaft, um überhaupt einen Termin zu erhalten. Die Kosten für so einen Antrag übersteigen das Familienmonatseinkommen erheblich.  Bisher hatten Frauen in dieser Lage keine Hilfe in Deutschland und so will man vermutlich warten, bis das Geld oder die Puste ausgeht.

Seit der letzten Antragseinreichung am 18. August 2012 durch den Rechtsanwalt meldet sich niemand mehr. Eine Anfrage bei der Botschaft vom 08. Oktober 2012 nach dem Sachstand bleibt bis heute unbeantwortet.

Wenn Sie Serap und Familie Selke unterstützen möchten, dann können Sie gerne ihre Internetseite aufsuchen. Dort erhalten Sie detaillierte Informationen und Kontaktmöglichkeiten.

Berichterstattungen zum Fall:
Mitteldeutsche Zeitung: Sträflingskleidung und Internetseite
Mitteldeutsche Zeitung: Urlaub ohne Rückflug

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