Interview in der Frauenzeitschrift »bella«

bella - Serap Cileli
bella: Die Frauenrechtlerin kämpft mit ihrem Verein peri e.V. gegen Zwangsheirat und Ehrenmord. Eine gefährliche und oft belastende Aufgabe. Das Interview führte Corinna Ophüls.

bella Nr. 4 / 16. Januar 2013 / Seite 60

Sie weiß genau, wie sich die jungen türkischen Mädchen fühlen. Serap Cileli (46) wurde selbst im Alter von 15 Jahren zwangsverheiratet: »Nach sieben Jahren bin ich in ein Frauenhaus gefohen«, erzählt sie. »Heute helfe ich anderen Frauen bei der Flucht vor ihren Ehemännern oder der eigenen Familie.« Seit fünf Jahren kämpft die bekannte Frauenrechtlerin mit dem von ihr gegründeten Verein peri e.V. (zu Deutsch: „Die gute Fee“) gegen Zwangsheirat und Ehrenmord.

Über 3000 muslimische Frauen werden laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums in Deutschland jährlich zur Ehe gezwungen: »Mädchen, die sich gegen die von den Eltern arrangierte Ehe wehren oder sich mit einem Deutschen einlassen, werden misshandelt oder sogar mit dem Tod bedroht«, weiß die engagierte Vereinsgründerin. So wie die 13-jährige Ayla. Weil sie sich weigerte zu heiraten, übergoss ihr Vater sie mit Benzin und zündete sie an. Ayla überlebte und nahm Kontakt zu Serap und ihrem Verein auf. »Auch wenn ich schon unzählige solcher Geschichten erlebt habe – ich bin jedes Mal wieder schockiert«, erzählt sie. »Wie kann ein Vater seiner Tochter so etwas nur antun?«

Sie riskiert täglich ihr Leben für die Freiheit der anderen

Serap und ihr Team verstecken Mädchen wie Ayla in Frauenhäusern oder Pflegefamilien und helfen beim Aufbau einer neuen Identität. »Dabei betreuen wir sie professionell. Viele unserer Mitglieder sind Pädagogen, Psychologen, Anwälte und Ärzte«, erklärt Serap. »Einige Ehrenamtliche stammen außerdem aus dem Kulturkreis der Betroffenen und verstehen die Hintergründe deshalb besonders gut.« Rund 60 junge Frauen retten sie und ihr Team jedes Jahr.

Dabei riskiert Serap Cileli auch ihr eigenes Leben. Denn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wurden sie und ihre Familie bereits massiv bedroht. »Ich zahle für meine Arbeit einen hohen Preis«, sagt sie. »Doch das schreckt mich nicht ab. Und ich lasse mich auch nicht davon entmutigen, dass viele Frauen doch wieder zurück zu ihrer Familie gehen. Ich möchte Vorbild sein – auch für meine eigenen Kinder.« Denn inzwischen hat die Türkin wieder geheiratet, aus Liebe.

»Ich mache weiter. Für Mädchen wie Ayla.«

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