„Muss ich heiraten, bringe ich mich um“

Zwangsheirat - Serap CileliFrankfurter Rundschau: Die 15-jährige Kurdin Sehnaz wehrte sich gegen eine Zwangsehe und hatte Glück, Verbündete zu finden. Um dem Schicksal der Zwangsverheiratung zu entkommen, begehen andere Kinderbräute nicht selten Selbstmord.

Folgender Artikel ist in der Frankfurter Rundschau am 01. Januar 2013 erschienen:

Ende Oktober erschien die liberale Istanbuler Zeitung Milliyet auf ihrer Titelseite mit der Schlagzeile: „Ich will nicht heiraten!“ Im Artikel ging es um das Schicksal der 15-jährigen Kurdin Sehnaz aus der Millionenstadt Sanliurfa. Sehnaz hat dank ihrer guten schulischen Leistungen ein Stipendium fürs Gymnasium, sie möchte Polizistin werden. Ihr Vater aber wollte sie mit einem Cousin verheiraten, der kurz vor der Entlassung aus dem Wehrdienst stand. Sehnaz sollte in Zukunft Hausfrau sein. Statt sich zu fügen, tat die junge Frau etwas Unerhörtes: Sie wehrte sich in aller Öffentlichkeit.

Auf der Suche nach Hilfe wandte sich Sehnaz an eine in Sanliurfa bekannte Frauenrechtlerin. Die wiederum informierte ihre Freundin Burcu Karakas, die bei Milliyet für Frauenthemen zuständig ist. „Ich habe Sehnaz und ihre Mutter sofort angerufen“, berichtet die Journalistin. „Sie waren verzweifelt und wollten, dass Milliyet über ihr Schicksal schreibt.“ Fast nie wagten sich Kinderbräute wie Sehnaz an die Öffentlichkeit; viel zu groß sei der Druck des sozialen Umfeldes, die Angst vor Strafe und Erniedrigung, sagt Burcu Karakas. „Umso großartiger ist, was dieses Mädchen sich traut.“

Nach jahrelangen Streitereien mit der Mutter sei Sehnaz’ Vater vor einiger Zeit aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, schildert die Journalistin die Umstände des Familiendramas. Er unterstütze die Restfamilie mit umgerechnet 35 Euro die Woche, maße sich aber an, weiter über sie zu bestimmen. Mit dem Wechsel seiner ältesten Tochter aufs Gymnasium sei er überhaupt nicht einverstanden gewesen. „Wozu soll das gut sein?“, habe er Sehnaz gefragt. „Willst du etwa Gouverneur werden?“

Die Mutter hingegen habe zu Sehnaz gehalten und durchgesetzt, dass Sehnaz die Schule beenden und studieren kann. Die Mittdreißigerin, die selbst als Kind verheiratet wurde und in 16 Jahren Ehe neun Kinder zur Welt brachte, habe der Tochter die Chancen gewünscht, die sie selbst nie hatte. Mitte Oktober aber, so Karakas, habe der Vater Sehnaz plötzlich die Heirat mit dem Sohn seines Bruders befohlen. „Sehnaz sagte, das komme überhaupt nicht infrage. Aber sie wurde von der Familie des Vaters massiv unter Druck gesetzt.“

Anatolischer Patriarch

Wie Sehnaz’ Vater glauben viele anatolische Patriarchen, das Vermählungsrecht für ihre Töchter zu haben. Und gegen den Willen der Eltern kommen die Minderjährigen kaum an. Meist werden die Mädchen verheiratet, sobald sie geschlechtsreif sind, um eine „Entweihung der Familienehre“ durch vorehelichen Sex zu vermeiden. Häufig werden sie auch einem Cousin oder dem Mitglied einer befreundeten Großfamilie versprochen, um die gegenseitigen Bande zu stärken. Da das Gesetz eine standesamtliche Hochzeit in diesem Alter nicht erlaubt, werden arrangierte Ehen nach islamischem Ritus von einem Imam geschlossen.

Das wollte Sehnaz auf jeden Fall verhindern. Sie hatte das Glück, Verbündete zu finden. „Bitte hilf mir“, bat Sehnaz die Journalistin Karakas. „Ich bin jung. Ich will etwas aus mir machen. Wenn ich heiraten muss, bringe ich mich um.“

Der Artikel hatte die erhoffte Wirkung. Praktisch alle türkischen Medien griffen den Fall auf. Auch konservative Kommentatoren nahmen Partei für das Mädchen. Sogar die Sozialministerin Fatma Sahin schaltete sich ein. Sie erklärte, es sei inakzeptabel, wenn Minderjährige frühzeitig verheiratet würden. Notfalls werde sie selbst mit Sehnaz’ Familie sprechen. „Ich bin für gleiche Bildungschancen für Mädchen und strikt gegen die Heirat junger Mädchen, die etwas lernen wollen. Sie sollen selbst über ihr Leben bestimmen können.“ Die mutige Sehnaz, so scheint es, wird der Zwangsheirat entkommen.

Mord im Namen der Ehre

Vor allem konservative Türken indes sehen in arrangierten Ehen bis heute keine Straftat, sondern eine Normalität, die den Staat nichts angehe. Selbstmorde verzweifelter Kinderbräute sind keine Seltenheit. Welch archaische Wertvorstellungen in manchen Familien noch existieren, zeigt auch der Fall der 15-jährigen Hatice aus Diyarbakir, der am vergangenen Wochenende publik wurde. Das Mädchen war mit erst 13 Jahren gegen ihren Willen verheiratet worden, berichteten die türkischen Medien. Als Hatice nach einem Jahr wegen Gewalttätigkeiten ihres Mannes zu ihrer Familie zurückkehrte, sei sie von zwei Cousins vergewaltigt worden. Im vierten Monat schwanger, sei sie nach einer Entscheidung des Familienrates vor zwei Wochen ermordet und in einen Fluss geworfen worden.

In der türkischen Hauptstadt Ankara befasst sich die Frauenrechtsorganisation „Fliegender Besen“ seit 1996 mit dem Problem der Kinderbräute. „Oft wird gesagt, dass das Problem nur auf dem Land existiert, aber durch die Migration kommt es auch in die Städte. Und niemand bietet den Mädchen direkte Hilfe an“, erklärt die Sprecherin Sevna Somuncuoglu. „Es gibt Hotlines für die Opfer häuslicher Gewalt. Aber es gibt keine Gruppe, die sich direkt um Kinderbräute kümmert. Daher weiß niemand, wie viele Mädchen Hilfe suchen.“

Der konservative Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan begegnet der Debatte über die Rechte von Mädchen und Frauen mit einer Doppelstrategie. Einerseits beteuert er häufig, wie wichtig Bildung sei, andererseits predigt er ein traditionelles Familienbild, das die Frau als Mutter möglichst vieler Kinder am heimischen Herd zeigt. Nur an massiven Protesten der liberalen Öffentlichkeit scheiterte im Sommer sein Vorhaben, den obligatorischen Schulbesuch für Mädchen auf vier Jahre zu verkürzen.

Als Frauenrechtsverbände vorschlugen, in die neue Verfassung einen Paragraphen gegen Zwangsheiraten und Kinderbräute einzufügen, stießen sie bei der Parlamentsmehrheit lange auf wenig Gegenliebe. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des Falles der 15-jährigen Sehnaz mussten auch die konservativen Abgeordneten jedoch einlenken. Alle vier im Parlament vertretenen Parteien einigten sich darauf, das Thema aufzugreifen. Auch einen Textentwurf gibt es schon: „Der Staat wird Vorsorge treffen, um zu verhindern, dass Ehen mit Gewalt geschlossen oder von Mädchen in zu frühen Jahren eingegangen werden.“

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