Der Valentinstag ist HARAM!

Valentinstag ist eine SündeEin Tag im Zeichen der Liebe. Verliebte Paare beschenken sich und verbringen einen romantischen Tag miteinander. Das ist für die meisten schon alles, was der Valentinstag bedeutet. Für alle? Nein! Eine von unbeugsamen Muslimen bevölkerte Facebook-Gruppe hört nicht auf, dem christlichen Feiertag Widerstand zu leisten.

Mir wird stets vorgeworfen, dass ich »den« Islam nicht verstehe, falsch deute oder diskriminieren möchte. Also höre ich mir immer gerne den Blickwinkel der »Experten« an. Bei meinen Recherchen für einen Zeitungsbericht bin ich überraschend auf solches »Expertenwissen« gestoßen und ich gestehe, ich habe viel gelernt. Doch leider nicht über »den« Islam.

Der besagten muslimischen Facebook-Gruppe gehören fast 71.000 Menschen an. Nennen wir diese Facebook-Gruppe der Anonymität wegen »Widerstandsbewegung gegen den Valentinstag« (WgV). Die Social-Media-Reichweite der »WgV« ist enorm, wenn man sie in Relation zur Frankfurter Allgemeine Zeitung (62.000 Likes), der ARD (47.000 Likes) oder dem Spiegel (46.000 Likes) setzt. Somit übertrumpft die »WgV« alteingesessene, mediale Flaggschiffe und lässt uns nur erahnen, welches Einflusspotenzial von ihr ausgeht.

So veröffentlicht die »Widerstandsbewegung gegen den Valentinstag» einen Tag vor dem 14. Februar eine verheerende Schlagzeile für alle verliebten Muslime: Valentinstag ist HARAM (zu deutsch: Verbot, Sünde).

Als Hintergrundwissen kopieren die Seiteninhaber wortwörtlich Wikipedia-Zeilen, um zu beweisen, dass der Valentinstag eine christliche Tradition ist. Zunächst einmal spricht rational und kulturell nichts dagegen, wenn Muslime christliche Feiertage zelebrieren. Schließlich wird der muslimische Fastenmonat Ramadan auch seit Jahren im österreichischen Bundeskanzleramt gefeiert, einem offenkundig christlichen Land.

Aber was treibt die »WgV« an? Was ist ihre Sorge? Die Antwort wollen sie ihrer aufmerksamen Leserschaft natürlich nicht vorenthalten. Ihrem Standpunkt nach begeht jeder Moslem eine Sünde, der »unislamische Riten« nachahmt. Der Prophet habe gesagt: »Wer Leute nachahmt, der gehört zu ihnen.« Die Sorge ist also, dass die frommen Muslime nichts ahnend heimlich zu Christen werden. Quel Malheur! Das ist natürlich ähnlich skandalös wie das Pferdefleisch, das uns anstelle von Rindfleisch untergejubelt wurde.

Auf diese Hiobsbotschaft, verzeihen Sie mir die biblische Analogie, fragt der erst 14-jährige Hakan im Kommentarbereich völlig erschrocken, was denn passiere, wenn man das feiert. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. »Das ist eine Sünde«, erwidert Akin. »Verliere ich dadurch meinen Glauben?«, hakt Hakan besorgt nach. Die Frage bleibt zunächst offen im Raum stehen.

Eine junge Frau Namens Mashad schaltet sich ein und versucht zu beschwichtigen: »Lasst die Leute doch, wenn sie ihren Lieben am Tag der Liebe eine Freude machen wollen.«

Diese »sündige Haltung« einer jungen Frau erzeugt natürlich umgehend einen sogenannten »Shitstorm«. Sofort prasseln Koranverse auf sie herab, sie wird als Ungläubige beschimpft und verbal stark traktiert. »Du sündige Hure, was willst du eigentlich hier?«, wettert Mina, die auf ihrem Profilbild vollverschleiert ist. Ihr Kommentar erhält dutzende Likes.

Wieder schaltet sich der junge Hakan ein und stellt zum wiederholten Mal die alles entscheidende Frage: »Also verliert man seinen Glauben, wenn man Valentinstag feiert oder nicht?« Sein unheimlicher Drang nach religiöser Anleitung stellt seine eigene Vernunft in den Schatten. »Wieder etwas dazu gelernt, danke für die Info«, wirft Büsra in die Runde. Wohlwollend erbarmt sich der Seitenbetreiber zu einem »Nichts zu danken, das ist unsere Pflicht als Diener Allahs«.

Steffi, die eine Schussfeuerwaffe auf ihrem Profilbild hat, kann ihre Ignoranz nicht zurückhalten und kommentiert: »Diese Gruppe klärt die Muslime auf, die Allahs Zufriedenheit erlangen wollen, alle anderen sind nicht willkommen. Allahu Akbar.« (Allah ist groß, Anmerkung der Autorin)

Auch Bilal hält es anscheinend nicht mehr auf seinem Stuhl, denn seiner Meinung nach sollten sich alle schämen, die Christen nacheifern. »Ihr seid dem Propheten ungehorsam«, ergänzt Bilal, der bei einem deutschen Automobilhersteller im mittleren Management tätig sein will.

Dieser Tonfall durchzieht die gesamten 414 Kommentare zum Eintrag der »WgV«. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich diese Nachricht in der digitalen Welt von Facebook. Auffällig junge Menschen dürsten nach religiöser Führung, die einen interkulturellen Lebensspagat in Deutschland zu schaffen versuchen. Kritische Rückfragen? Fehlanzeige! Flexible Auslegung der Gebote? Fehlanzeige! Friss oder stirb, so lautet die universelle Devise.

Übrigens: Der kleine Hakan hat endlich seine Antwort erhalten. Aber ich glaube, ich muss Ihnen nicht verraten, wie sie ausfiel. Sie kennen die Antwort bereits.

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