Fethullah Gülen: Wolf im Schafspelz?

Fethullah GülenEr gibt sich gerne als besonnener und toleranter Geistlicher. Seine Anhänger nennen ihn Hodscha-Efendi. Fethullah Gülen ist das Oberhaupt einer religiös-politischen Bewegung, dem allein in der Türkei sechs Millionen Menschen folgen. Die heute extrem einflussreiche Gülen-Bewegung wurde in den 1970er Jahren gegründet und unterhält heute zahlreiche Schulen, Sozialeinrichtungen, Kulturzentren und Wirtschaftsunternehmen in mehr als 50 Ländern, auch in Deutschland.

Fethullah Gülen gilt im Westen als jemand, der islamische Lehren mit liberalen Ideen verbindet und den interreligiösen Dialog propagiert, der als »gemäßigter Islamist« mit »Toleranz- und Friedensbotschaften« angesehen wird. Doch der Schein trügt. Die Gülen-Bewegung ist eine Glaubensgemeinschaft mit missionarischen Zielen.

Die Ideologie hinter dem Netzwerk

»Türken, die sich Europa öffnen, sind Schmarotzer, Parasiten und wie Blutkrebs«, lautet eine knappe Aussage Gülens aus seinem Buch »Çag ve Nesil« (1979). Dahinter steckt aber nicht die Annahme, dass Europa Tabu ist, sondern die Botschaft sich dem europäischen Gedanken nicht zu öffnen. Denn er und seine Anhänger sind einem sehr strengen, türkisch-sunnitischem und konservativem Islam verpflichtet.

Wie radikal das Wertegefüge gestrickt ist, beweist ein Aufsatz aus dem Jahr 2004. Dort heißt es: »Koran und Hadith sind wahr und absolut. […]. Sobald sie eine andere Position einnehmen oder von der Wahrheit von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft.«

Fethullah Gülen ist eine Art spiritueller Guru, dessen Worte und Schriften eine soziale Bürgerbewegung inspirieren. Sein Netzwerk ist kein fassbares Gebilde, sondern vielmehr dezentral und ideologisch angeleitet, ohne explizite Kontrolle »von oben«.

»Baut Schulen statt Moscheen«, lautet ein bekannter Satz von Gülen. Seine missionarischen Ziele verfolgt »die Organisation« mit Wissenschaft und Wirtschaft. Seine Anhänger sollen sich »die Waffen« des Westens zunutze zu machen: »Mit der Geduld einer Spinne legen wir unser Netz, bis sich Menschen darin verfangen.« Die Gülen-Sympathisanten schreien nicht nach Scharia und Jihad, sie unterwandern gezielt das System und besetzen Schlüsselpositionen.

In der Türkei ist die Gülen-Gemeinde ohne Zweifel bereits die einflussreichste Gruppe, die essenzielle Positionen in Wirtschaft und Politik fest im Griff hat. Mit der Idee der Reislamisierung der Türkei liegen Staatschef Erdogan und Fethullah Gülen auf einer Linie. Große Teile der AKP-Abgeordneten gehören bereits zum Kreis der Gülen-Anhänger.

Es ist auch bekannt, dass Gülen zumindest in der Vergangenheit intensive Kontakte zu den rechtsextremen Grauen Wölfen unterhielt, die er auch finanziell unterstützte.

Die Gülen-Bewegung in Deutschland

Auch in Deutschland ist Fethullah Gülen präsent. Die deutsche Öffentlichkeit nimmt ihn nur nicht wahr. Wie kann solch ein mächtiges, islamisches System in Deutschland operieren und bleibt dennoch verborgen? Die Einrichtungen, die mit Gülen sympathisieren, treten nicht öffentlich mit anderen islamischen Gruppen in Erscheinung und bieten sich der Politik und Gesellschaft als säkulare und seriöse Dialogpartner an.

Ein prominentes Beispiel ist das Forum für Interkulturellen Dialog Berlin e.V. (FID e.V.), das sich als gemeinnützige Einrichtung der politischen und kulturellen Bildung versteht. Völlig offen und selbstbewusst erklärt das FID e.V. das Islam-Verständnis von Fethullah Gülen in die Öffentlichkeit tragen zu wollen. Gülen ist auch Ehrenvorsitzender der Organisation. Im offiziellen Beirat des Dialogvereines sitzt u.a. die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU).

Am 10. Februar 2013 fand in Offenbach eine deutsch-türkische Kulturveranstaltung statt. Organisiert wurde der Abend von der Offenbacher Bildungsakademie e.V. Gesponsert wurde der Event von der AOK und gefördert vom Oberbürgermeister der Stadt. Doch niemand ahnt, wie Murat Solak, Vorsitzender der Bildungsakademie, und sein Verein zu Fethullah Gülen stehen. Er gesteht, dass diese Veranstaltung der Feder Gülens entspringt und argumentiert: »Gülen möchte, dass die Menschen Sprachen lernen und einen Beitrag zur Integration leisten.«

Wie kann es sein, dass die deutsche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den Lehren eines Mannes, die dem Gesellschaftsbild der Mehrheitsgesellschaft entgegenstehen, solch eine Plattform einräumen? Auf diese Weise wird dazu beigetragen, dass die Gülen-Bewegung mit ihrer höchst zweifelhaften Ideologie salonfähig wird und sich wie ein Geschwür im Organismus der westlichen Demokratie einnistet.

Bildung als Vehikel der Islamisierung    

In Deutschland gibt es über 150 Nachhilfe-Institute und mehr ein Dutzend Schulen, die der Gülen-Gemeinde angehören oder ihr nahe stehen. Die Schulen sind staatlich anerkannt und folgen offiziell dem normalen Schulplan. Wir wissen nicht genau, was in den Bildungszentren passiert, das ist eine verschlossene Welt, auch wenn sie sich nach außen transparent präsentieren.

Solch eine Bildungseinrichtung ist das türkisch-deutsche Bildungsinstitut TÜDESB in Berlin, die Nachhilfegruppen und Privatschulen betreibt. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die TÜDESB ein Areal von 84.000 m² in Berlin-Spandau erworben hat und einen Bildungscampus plant. Allerdings herrscht Ahnungslosigkeit beim Bildungsstadtrat Gerhard Hanke: »Man hätte diesen großen Masterplan eines Bildungscampus natürlich mit uns vorab besprechen sollen.« Angelika Höhne, Fraktionsvorsitzende der Grün-Alternativen Liste, befürchtet, dass Kinder in dieser Einrichtung ideologisch beeinflusst werden könnten: »Ist es eine sehr konservative Organisation oder ist es eher fundamentalistisch-islamistisch?«

Mittlerweile bekennt sich auch der Vorsitzende des Trägervereins der TÜDESB, Irfan Kumru, offen zu Gülen. Er fühle sich den Idealen von Fethullah Gülen sehr verbunden und würde seine Werke regelmäßig lesen.

ZAMAN: das mediale Flagschiff der Gülen-Bewegung und die deutsche Politik

Die Tageszeitung Zaman wurde 1986 gegründet und gehört zu den auflagenstärksten Zeitungen in der Türkei. Auch in Deutschland erreicht die islamisch-konservative Zeitung hohe Verkaufszahlen. Allen Indizien zum Trotz behaupten die Verantwortlichen der Zaman starr und fest, dass sie keine Verbindung zu Fethullah Gülen hätten.

Juristisch mag das der Fall sein, aber mit etwas Geschick und einer Heerschar von Fachleuten lässt sich jede Spur verwischen. Was man aber nicht ausblenden kann, ist die zumindest offenkundig ideologische Verbindung zwischen der Zaman und Gülen. So veröffentlicht Letzterer regelmäßig eine Kolumne in der Zaman und transportiert auf diese Weise seine programmatische Orientierung eines konservativ-islamischen Gesellschaftsbildes in die Welt.

Die Tageszeitung Zaman setzt sich auch sehr mit ihrer Berichterstattung für die zuvor genannte TÜDESB ein. Eine Zeitung, die als Sprachrohr für ihren Führer dient, wirbt also um Vertrauen für dessen Schule.

Der ehemalige Chefredakteur der Zaman, Mahmut Çebi, räumt ein, dass sich seine Zeitung an den Idealen Gülens orientiere und bezeichnet ihn als einen Philosophen wie Habermas.

Auch der für den österreichischen Markt verantwortliche Chefredakteur der Zaman, Seyit Arslan, bezeichnet Fethullah Gülen als einen »wichtigen Denker« und »Intellektuellen«.

Ende Januar verlegte die deutsche Niederlassung der Zeitung ihren Hauptsitz von Offenbach nach Berlin. Zu diesem Anlass wurde die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) eingeladen, die die Eröffnungsrede hielt. Mittlerweile hat das Ministerium die offizielle Pressemitteilung zu diesem Anlass still und heimlich von ihrer Internetseite verbannt. Lediglich ein Terminhinweis ist übrig geblieben. Auch Emine Demirbüken-Wegner, Berliner Staatssekretärin für Gesundheit und Präsidiumsmitglied der CDU, gehörte zu den geladenen Gästen.

Erneut erweist sich die deutsche Politik als Steigbügelhalter einer modern eingefärbten Ideologie, ohne sich der verheerenden Auswirkung bewusst zu sein oder diese billigend in Kauf zu nehmen.

Die Gleichgültigkeit und Unwissenheit der Deutschen über die Gülen-Bewegung werden fatale Folgen haben, falls ihr nicht Einhalt geboten wird. Die Organisation ist sehr verschachtelt. Es ist sehr wichtig sich mit ihr gründlich zu beschäftigen und die Ziele des Netzwerks nicht zu unterschätzen. Inwiefern die Behauptungen über Gülen der Wahrheit entsprechen, bleibt in absehbarer Zeit im Verborgenen. Belastbare Erkenntnisse über Gülen-Schulen liegen laut Verfassungsschutz nicht vor.

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