Gerichtsbeobachtungen zum 3. Prozesstag gegen Fendi Özmen

Landgericht Detmold - Serap Cileli 
Am ersten Verhandlungstag wurden u.a. zwei Zeugen gehört, die kurze Zeit mit Elvis Özmen in Haft saßen. Bei dem ersten Zeugen K. handelte es sich um einen entfernten Verwandten, der gegenüber der Polizei umfangreiche Aussagen gemacht hatte und Details berichten konnte, die von den Medien zu keinem Zeitpunkt veröffentlicht worden sind. Wie bereits im ersten Prozess gegen die Geschwister Arzus, konnte sich der Zeuge nunmehr auch im aktuellen Prozess gegen den Vater an nichts mehr erinnern bzw. meinte, er habe sich alles nur ausgedacht.

Diese Strategie hatte ihm nach dem ersten Verfahren ein Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage bzw. falscher Verdächtigung eingebracht. Beide waren aber inzwischen eingestellt worden, weil dieser Zeuge wegen anderer Delikte eine höhere Strafe zu erwarten hat.

Gleichwohl hatte der Richter nachgefragt, wie der Zeuge denn auf die Sache mit den Rosen kam (die Arzu von ihrem Freund geschickt bekommen hatte) – da er auch eine Freundin habe, der er schon einmal Blumen schickte, habe er sich das so gedacht. Das Detail zum Schwangerschaftstest habe er sich auch so ausgedacht! Befragt, ob er jemals in der Haft bedroht worden sei, verneinte dies der Zeuge – interessanterweise wurde er allerdings inzwischen aus Sicherheitsgründen in ein anderes Gefängnis verlegt.

Ergiebiger war die Vernehmung eines zweiten ehemaligen Gefangenen, dem der vorgenannte Zeuge, nachdem über Arzus Verschwinden im Fernsehen berichtet worden war, erklärt hatte: „Ja ja, die ist erschossen worden“. Der Vater hätte Bescheid gewusst, dass das gemacht werden soll.  Der Zeuge K. hatte  so eindrücklich und ausführlich Elvis’ Erzählung wiedergegeben,  dass dieser Zeuge sich einen Vermerk gemacht hatte, den der Richter nun verlas und der vom Zeugen bestätigt wurde:

„5 Brüder, K. und Özmen verwandt, Vater hat gesagt, wenn er das nicht macht, dann muss ich das machen, Vater hatte Druck von seinen Geschwistern wegen Heirat, ältester Bruder war das, Eltern haben Schwangerschaftstest gefunden. Elvis Handy in Zelle Haus 3, organisiert Kontakt mit außen, Cousin aus Frankreich wollte heiraten, hat mitbekommen, dass immer abhaut.“

Dieser Zeuge war anschließend aus Sicherheitsgründen ebenfalls in ein anderes Haus der JVA verlegt worden, weil er sich erheblichen Drohungen ausgesetzt sah.

Der dritte Prozesstag beginnt

Dieser Prozesstag begann mit der Vernehmung eines Polizeibeamten, der bei Familie Özmen eine sog. Gefährderansprache hielt, nachdem Arzu geschlagen worden war. Beim Haus der Özmens traf er die Eltern, sowie die Schwester Sirin an. Der Vater sprach schlechtes Deutsch, so dass das Gespräch hauptsächlich von Sirin geführt wurde. Man machte dem Polizisten aber sehr schnell klar, dass es sich um eine reine Familienangelegenheit handle und insbesondere Sirin trat äußerst feindselig auf, so der Beamte. Dem Polizisten war sehr schnell klar, dass diese Gefährderansprache nichts bringen würde. Zwar war Fendi Özmen freundlich und ruhig und gab sich auch einsichtig, dennoch hatte der Polizist den Eindruck, dass diese Einsicht nur für ihn vorgegaukelt wurde. Er habe mit einem äußerst schlechten Gefühl die Özmens verlassen und sei von einer großen Gefährdungslage ausgegangen. Ihm war klar, dass Sirin stellvertretend für die komplette Familie Özmen sprach.

Wollte Fendi Özmen selber Arzu töten?

Anschließend wurde ein Kriminalbeamter der Mordkommission gehört, der die Ermittlungen ganz wesentlich und mit dem notwendigen großen Aufwand betrieben hatte. Man hatte ja noch lange die Hoffnung, Arzu lebend zu finden. Es wurde jeder Spur nachgegangen, so auch der Vermutung, Arzu sei ins Saarland zu Verwandten oder nach Holland verschleppt worden.

Der Zeuge beschrieb ebenfalls die Kontakte, die per Handy in der Nacht des Überfalls gelaufen waren. Das stationär im Haus der Özmens eingeloggte Handy war an 50% der Telefonate bzw. Verbindungsversuche beteiligt. Man könne davon ausgehen dass der Vater es genutzt habe, weil ein anderes Handy vom jüngeren Sohn benutzt worden war.

Der Polizist wurde auch nach seinem Eindruck über die Vernehmung des Zeugen K. befragt und erklärte, dass K. genau das sagte, was Elvis ihm erzählt habe. Es habe Details gegeben, die nach den Ermittlungen nicht stimmen konnten, aber K. habe immer wieder gesagt, dies sei ihm von Elvis so erzählt worden. Der Hauptteil dieser Erzählung habe aber gestimmt und entsprach dem, was bereits ermittelt worden war.

Zur Rolle des Vaters soll Elvis dem K. gesagt haben, der Vater habe zunächst Arzu selber erschießen wollen, dann seien aber die Geschwister dazwischengegangen und der Vater habe gesagt, dann müssten sie das eben erledigen.

Arzu hatte große Angst vor ihrem Vater

Bei der Zeugin Schmidt handelt es sich um die Rechtsanwältin, die Arzu nach ihrer Flucht vertreten hat. Sie hatte schon im ersten Verfahren ausgesagt und bestätigte nun, dass Arzu die meiste Angst vor ihrem Vater und ihren Brüdern hatte. Arzu habe ihr gegenüber gesagt, der Vater wolle sie in der Türkei zwangsverheiraten. Und wenn sie sich weigere, sollte sie von ihren Brüdern umgebracht werden.

Die Zeugin beschrieb Arzu noch als eine sehr zielstrebige, erwachsene Frau, die sich auf ihre Zukunft freute.

Anschließend wurde eine Mitbewohnerin des Frauenhauses angehört. Diese hatte Arzu anvertraut, dass ihr Papa bis zum Bekanntwerden ihrer Freundschaft zu Alex der liebste Papa der Welt gewesen sei. Als er jedoch von dieser Freundschaft erfuhr, sei es so gewesen, als habe er einen Schalter umgelegt. Sie sei vom Vater und Bruder geschlagen worden, eingesperrt und hatte nichts mehr, da ihr sämtliche Papiere abgenommen worden waren.

Mehrfach hätte Arzu gesagt: „Wenn ich nach Hause gehe, bringt mich mein Papa um“. Hier insistierte der Richter und fragte mehrfach nach, ob sie wirklich „Papa“ gesagt hatte und nicht doch eher die Brüder nannte, aber die Zeugin bestand darauf, dass Arzu hauptsächlich Angst vor ihrem Vater gehabt hatte.

Auch diese Zeugin sagte, dass Arzu nicht mit einer so heftigen Reaktion ihrer Familie gerechnet habe. Sie hatte auch Arzus Mutter erwähnt, die lachend dabei saß, während Arzu so schwer verprügelt wurde.

Erinnerungslücken bei Verwandten der Familie Özmen

Sodann wurde der Versuch gemacht, mit Mitgliedern der Familie Özmen zu sprechen, die weitläufig verwandt sind und demzufolge kein Zeugnisverweigerungsrecht haben. Es handelte sich um ein Ehepaar, das im gleichen Haus wohnt wie Kemal und Kirer.

Es wird niemanden verwundern, dass beide Zeugen offenbar an plötzlichem Gedächtnisverlust litten. Beide konnten sich an nichts erinnern, so, als sei die Tötung einer – entfernten – Verwandten so alltäglich, dass man sich einfach nicht mehr erinnern könne, was in dem Zusammenhang in der Familie so geredet wurde.

Zwar hatten beide noch bei der Polizei Aussagen gemacht, aber auf den Vorhalt des Richters konnte sich die Zeugin nur daran erinnern, dass sie mal mit der Ehefrau von Kemal gesprochen hatten. Sie soll gesagt haben, dass Kirer alles „auf sich nehmen“ wolle. Angeblich habe sie sich aber nicht weiter darüber unterhalten, was Kirer denn nun genau „auf sich nehmen“ wolle.

Der jesidische Geistliche (Pir) erinnert sich ebenfalls an nichts mehr

Diesem Geistlichen hatten die Eheleute Özmen eine Vollmacht gegeben, für sie tätig zu werden, und dieser hatte die Vollmacht auch der Polizei vorgelegt. Fendi sei sehr traurig gewesen, dass Arzu weggegangen sei und der Pir sollte helfen, sie zurückzubringen. Da er aber so viel anderes zu tun hatte, habe er sich mit dieser Angelegenheit nicht weiter beschäftigen können und wisse auch nichts mehr.

Der Richter hielt ihm vor, dass es einen Besuch zweier Journalisten bei den Özmens gab, bei denen der Pir ebenfalls anwesend war – auch daran konnte er sich ebenfalls nicht mehr erinnern.

Der Besuch des Bäckers, Herr Müller und seiner Schwiegertochter war dem Pir auch nicht mehr in Erinnerung geblieben. Erst als der Richter insistierte fiel ihm ein, dass sich Fendi Özmen ungewöhnlich respektlos ihm gegenüber verhalten habe, als er die Besucher der Tür verwies.

Ob der Pir mit seinen angeblichen Gedächtnislücken der jesidischen Gemeinde einen Gefallen getan hat, erscheint an dieser Stelle höchst zweifelhaft.

Schwierigkeiten mit der Übersetzung der Telefongespräche

Es wurden sodann zwei Telefonate vorgespielt und der Versuch einer Übersetzung gemacht. Das erste Telefonat fand zwischen Fendi Özmens Nichte und einer weiteren Person statt, wobei der Dolmetscher zum wiederholten Male Schwierigkeiten mit der Übersetzung hatte. Ein kurdischsprachiger Zuschauer bestätigt dann allerdings die Übersetzung, die die Polizei hat anfertigen lassen. Diesem Gespräch zufolge erzählt die Nichte, sie habe gehört, wie Fendi über Arzu gesagt habe, „er ficke ihr Blut“.

In einem weiteren Telefonat soll der Vater zu Fendi gesagt haben: „Ich habe dir gesagt, du sollst sie nicht töten“.  Und Fendi habe erwidert: „Was soll ich machen, es ging nicht mehr“. Auch diesen Satz konnte der Dolmetscher nicht korrekt wiedergeben. Die letzte Zeugenaussage war völlig unergiebig, weil sich das abgehörte Gespräch angeblich auf Kirers Scheidung bezog.

Abschließend verlas der Richter, wie schon im ersten Prozess, die Unmengen an E-Mails, mit denen Arzu nach ihrer Flucht von ihren Geschwistern bombardiert wurde.

Weiterhin wurde festgestellt, dass immer wieder Lügen verbreitet worden seien, wonach der Vater einen Herzinfarkt erlitten habe, im Krankenhaus läge oder sogar schon bereits tot sei.

Damit endete die Beweisaufnahme des dritten Prozesstages. Am Montag den 04.02.2013 werden die Plädoyers gehalten und wahrscheinlich auch das Urteil gesprochen.

Brigitta Biehl
2. Vorsitzende peri e.V.
Detmold, 01.02.2013

Quelle: Peri e.V. – Verein für Menschenrechte und Integration

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