Türkei: keine Kinder für Christen und Homosexuelle

Türkei: Keine Kinder für Christen und HomosexuelleDer türkische Vizepremier Bekir Bozdag (AKP) beklagt, dass türkische Kinder vorwiegend in deutsche Pflegefamilien gegeben werden und fürchtet im Zuge dessen die »totale Assimilation«. Auch homosexuelle Paare als Adoptivfamilien sind der türkischen Regierung offenbar ein Dorn im Auge.

Das türkische Parlament hat aus »Sorge« um türkische Kinder eine Untersuchung eingeleitet. Die Menschenrechtskommission des Abgeordnetenhauses möchte der Frage nach der religiösen Erziehung von Pflegekindern in Deutschland nachgehen. Der Vorsitzende der Kommission, Ayhan Sefer Üstün, bezeichnet die Vorgänge als ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Es sei inakzeptabel, dass die Kinder bei Pflegefamilien mit einer völlig anderen Kultur unterkämen.

Der türkische Vizepremier und Verantwortliche für die Auslandstürken, Bekir Bozdag, ist genau wie seine Parteikollegen um »das Wohl der Kinder« besorgt. Er befürchtet eine zunehmend religiöse und kulturelle Assimilation der Auslandstürken.

So erklärt Bekir Bozdag: »Diese Kinder sollten nicht mehr in deutsche Familien gegeben werden. Sie werden dort regelrecht christianisiert. Hier sind wir mit einem großen Drama, einer großen Assimilation konfrontiert.«

Das türkische Generalkonsulat betont in diesem Zusammenhang, dass es wichtig ist, türkische Kinder bevorzugt in türkische Familien zu geben, damit die Kinder ihre Verbindung zur Herkunftskultur und Sprache nicht verlernen.

Uwe Riez, Leiter des Amts für Familie, Jugend und Sozialordnung Hamburg ist von diesen Anschuldigungen überrascht: »Wir sind überhaupt nicht daran interessiert, türkische Kinder zu christianisieren oder zu assimilieren. Wir wollen lediglich, dass es ihnen gut geht.«

Im türkischen Fernsehen spricht man sogar von einer »Nazi-Mentalität«, einer gezielten Kampagne um türkische Kinder ihrer Wurzeln zu entreißen.

Viele deutsche Jugendämter beklagen, dass sich nicht genügend türkische Pflegefamilien finden lassen. Das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) dokumentierte in einem Rechtsgutachten, dass sich sehr wenige muslimische Familien als Pflegefamilien zur Verfügen stellen würden. Die Konsequenz sei, dass es Schwierigkeiten bei der Unterbringung von muslimischen Kindern in muslimischen Familien gebe.

Von den Ambitionen der türkischen Regierung die Auslandstürken vor der »totale Assimilation« zu bewahren sind auch homosexuelle Paare betroffen. Schwule und lesbische Lebensweisen und Überzeugungen wären mit denen der türkischen Kinder nicht vereinbar. In Deutschland wurde heute hingegen das Adoptionsrecht homosexueller Paare vom Bundesverfassungsgericht gestärkt.

Die Argumentationsweisen und das Vorgehen der türkischen Regierung sind völlig inakzeptabel. Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass türkische Kinder ihre Kultur und Sprache erhalten, aber das darf nicht der einzige Fokus sein. Das übergeordnete Ziel sollte das Wohlergehen der Kinder sein, egal welcher Kultur die Aufnahmefamilien angehören. Bilaterale Wettkämpfe, politische Machtspielchen und Ideologien sollten nicht auf den Rücken wehrloser und schutzbedürftiger Kinder ausgetragen werden.

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