Homosexualität: »Möge Allah sie vernichten«

Homosexualität im IslamHomosexuelle Beziehungen zwischen Männern oder zwischen Frauen sind in vielen Gesellschaften und Kulturen noch immer ein Tabuthema. Sie gelten als »unnatürlich« und wider der Schöpfung. Diese Ansicht vertreten viele Konfessionen, aber es gibt auch liberale Ansichten. So zeigt sich Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, solidarisch mit Schwulen und Lesben. Jedoch nicht ohne Konsequenzen aus der muslimisch-türkischen Community.

Nein, ich möchte keine Debatte über Homosexualität führen. Im Fokus steht nicht, ob die gleichgeschlechtliche Liebe »richtig« oder »falsch« ist. Wir führen auch keine Diskussionen über die moralische, ethische oder gesellschaftliche Verträglichkeit von Heterosexuellen. Der Schwerpunkt dieses Beitrags soll auf dem Umgang mit Schwulen und Lesben liegen, insbesondere mit einem kurzen Blick auf die Bedeutung der Homosexualität in der islamischen Gesellschaft.

Einer aktueller Studie  zufolge liegt Deutschland auf Rang 12 von 138 Ländern, in die Homosexuelle ohne Probleme reisen können. Es überrascht nicht, dass besonders stark religiös geprägte Länder die hinteren Plätze belegen. Dominant sind vor allem muslimische Länder, aber auch der Vatikan glänzt nicht besonders mit Rang 127. Innerhalb Europas schneidet Russland mit Platz 134 am schlechtesten ab. Gemeinsam mit Syrien und Oman rangiert die Türkei auf Rang 104.

Homosexualität im Islam

Der Koran enthält keine eindeutig identifizierbare Sure, die Homosexualität verbietet. Die konservative Auffassung basiert vielmehr auf verschiedene Überlieferungen der Hadithen, also den Handlungsanleitungen des Propheten Mohammad. Alle islamischen Rechtsschulen deklarieren homosexuelle Liebe dennoch als Sünde, nur in der Art und Umfang der Strafe unterscheiden sie sich.

Im alltäglich Leben sieht das jedoch anders aus. Homosexualität ist seit Jahrhunderten ein Bestandteil islamischer Kultur, erklärt der Arabist Thomas Bauer.  Der Islam würde auf eine tausendjährige Geschichte reich an homoerotischer Kultur zurückblicken.

Kenan Kolat solidarisiert sich mit Homosexuellen

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat, erklärte kürzlich in einem Interview, dass er für die volle Gleichstellung von Schwulen und Lesben sei.  Schöne Geste, die ich loben möchte, wenn da nur nicht dieses »aber« wäre. Denn weiter heißt es im Text, dass der »besondere Schutz von Ehe und Familie« gewahrt werden müsse. Es ist seltsam, dass sich Kenan Kolat zum einen für eine Gleichstellung ausspricht, aber zum anderen offenbar einen Widerspruch zum konventionellen Verständnis von »Ehe und Familie« zu sehen scheint. Glaubt Kolat vielleicht, dass durch die Gleichstellung heterosexuelle Ehen und Familien unterminiert werden?

Ich möchte das Interview dennoch zugunsten von Herrn Kolat auslegen. Allerdings gehöre ich damit womöglich zu einer Minderheit der türkisch-muslimischen Community in Deutschland. Der Solidarisierungsaufruf sorgt nämlich eben in dieser für großen Unmut.

Eine salafistische Nachrichtenseite fragt in diesem Zusammenhang: »Wen vertreten diese “muslimischen Vertreter, Vereine und Organisationen” überhaupt noch?« Der Autor führt diesen Gedanken aus und stellt seine unumstößliche Prämisse auf: »Toleriert er etwas, was sein Schöpfer nicht toleriert und verboten hat?«

Eine Frage, der sich Herr Kolat auch in vielen anderen Foren, Blogs und Facebook-Seiten stellen muss. »Oh man da spricht so ein Depp angeblich für die ganze Gemeinde prost Mahlzeit sag ich da nur […] bald kann ne Bäuerin sogar ihren Esel heiraten«, protestiert Sayyidah.

Auch Derya hat kein Verständnis für diese homophile Position und fragt sich, warum sich jemand um solche »Nebensächlichkeiten wie Gayrights« kümmere. Es gebe wichtigere Themen wie beispielsweise der Hunger in der Welt.

»Für Muslime ist der Koran das Wort des Schöpfers …was Herr Kolat sagt entspringt seiner persönlichen Ansicht, Weltanschauung, Ideologie und Religionsverständnis, die nichts mit dem Islam zu tun hat«, betont Nihat.

Ganz so ruhig argumentiert Yavuz nicht, denn in seinen Augen ist Kolat »serefsiz« (Ehrenlos). »Allah hätte damals so ein Verhalten vernichten lassen!«, setzt Yavuz nach.

Eins ist sicher: Herr Kolat wird nicht auf viel Zustimmung innerhalb der türkisch-muslimischen Community stoßen. Aber auch innerhalb der deutschen Gesellschaft und beispielsweise ebenso in der CDU/CSU, wird er keine großen Anhänger finden.

Dennoch möchte ich Herrn Kolat für seine (bedingte) Liberalität loben. Denn ist es nicht das, was wir stets von den Migranten in Deutschland verlangen?

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