Ich sterbe täglich tausend Tode

Ich sterbe täglich tausend Tode»Warum?« – diese Frage begleitet mich bereits die letzten 15 Jahre meines Lebens. Eine Frage, die ich mir oft selber stelle, aber auch gestellt bekomme. »Warum?« Warum habe ich mich für diese Arbeit entschieden? Was sind meine Ziele oder meine Absichten? Was treibt mich an und wieso höre ich nicht auf?

Jeden Tag erreichen mich unzählige Nachrichten. Die Flut, die mich täglich überkommt, ist gespickt mit Wunden und Narben, Sehnsüchten und Verzweiflungen, Beleidigungen und Bedrohungen. Seit meinem ersten öffentlichen Auftreten 1999 gerate ich von einem Albtraum in den nächsten. Ich erlebe Schicksale von Menschen, die ihre Existenz in meine Hände übergeben, Menschen die von mir Hoffnung und Hilfe erbeten.

Eines Nachts erhielt ich einen Anruf. Sie war erst 17 Jahre jung. Sie weinte und schluchzte am Handy. »Bitte, Serap abla, bitte hol mich hier raus«. Mir sind jedoch die Hände gebunden, denn sie war minderjährig. »Beruhige dich«, flüstere ich in das Telefon. Kaum wenige Minuten gesprochen stürmt ihr Vater in den Raum. Er schlägt ihr das Handy aus der Hand und drückt ihr einen glühenden Schraubenzieher an die Schläfe.
Sie brüllt, weint und schreit um Hilfe. Doch ich kann nichts machen. Meine Seele brennt und ich werde wütend. Wütend auf mich, dass ich ihr nicht helfen kann und wütend auf diesen Mann, der einem wehrlosen Kind so etwas antut. Ich sterbe innerlich!

Ich blicke oft in leere, glasige Augen. Jegliche Lebenslust scheint verloren. Ich blicke jeden Tag in die Augen all jener, die so gerne als »Einzelfall« abgespeist werden. Ich blicke in die Augen dieser Menschen, die in Zeitungen und Studien reine Zahlen sind. Stochastische Werte, Tabellen und Diagramme. Am Ende zählen sie nichts, weil die ermittelten Ergebnisse relativiert werden. Sie sind nur »Ausnahmen«, »Zufälle« und »Randerscheinungen«. Aber blicken sie diesen »Randerscheinungen« in die Augen, dann spüren sie die Angst, Resignation und Scham am eigenen Leib . Ich sterbe täglich tausend Tode!

Diese Mädchen und Jungen wollen keine Polizei, Jugendämter, Sozialarbeiter oder Ärzte. Sie möchten niemanden, der ihnen Pillen verschreibt, Vorträge hält oder sie diagnostiziert. Sie brauchen Menschen, die sie verstehen, Menschen die ihren Schmerz kennen und ihnen manchmal einfach nur zuhören.

Nein, ich werde nicht tatenlos zusehen. Nein, ich werde keine Rücksicht auf religiöse Befindlichkeiten und Nationalitäten nehmen. Ich sehe täglich all dieses Leid dieser jungen Menschen. Sie wollen keine großen Debatten auf großen politischen Bühnen. Sie möchten nur leben, leben in Würde und Freiheit. Nein, es reicht. Keine Rücksicht mehr und keine Toleranz. Nur noch die nackte, schmerzliche Wahrheit!

Ich möchte, dass Sie alle die Schmerzen dieser jungen Frauen und Männer fühlen. Ich werde diese Schicksale immer wieder an die Öffentlichkeit tragen. Ich werde ihrem Leid Gehör verschaffen. Ihre Stimmen werden nicht verstummen. Ihr Schmerz soll gehört werden.

Nennen Sie mich Hetzerin, das in Ordnung. Nennen Sie mich Aufrührerin, Propagandistin und Heuchlerin. Damit kann ich leben. Ich sehe nur noch diese Augen, die mich anstarren und wissen, dass sie bald sterben könnten. Wenn man täglich stirbt, bedeuten Worte nichts mehr. Bitte werden Sie aktiv! Schließen Sie sich regionalen Hilfsorganistionen an, bieten Sie Ihr Fachwissen oder spenden Sie, aber bitte stehen Sie auf und helfen uns helfen.

Spendenkonto:

Peri e.V.
Kontonummer: 39 82 807
Bankleitzahl: 508 635 13

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