Mein Name ist Bahar und ich bin eine lesbische Muslimin

Mein Name ist Bahar und ich bin eine lesbische Muslimin Ich bin eine türkische Lesbe und habe mich geoutet. Jahrelang habe ich ein Doppelleben geführt, ohne bemerkt zu werden. Als ich 20 Jahre alt war, habe ich diesen Teufelskreis durchbrochen und kämpfe seit dem hart für meine Existenzberechtigung. Ich entschied mich mein Elternhaus zu verlassen und schlug den steinigen Weg der Konfrontation mit meiner Umwelt ein.

Ich hatte keine andere Wahl, denn ich wusste, wie meine Eltern zum Thema Homosexualität stehen. Es war eine große Schande für das Ansehen meiner Familie und sie wiesen mich ab. Sie hatten kein Platz für eine lesbische Tochter in ihrem Leben.

Doch es ist auch mein Leben! Meine Sexualität! Wieso können sie mich nicht so akzeptieren, wie ich bin? Aber von unserem Kulturkreis kann ich für meine Lebensweise keinen Rückhalt erwarten. Offene Homosexualität bedeutet oft eine »Katastrophe«.

Die alles entscheide Frage: wieso ich?

Mein Elternhaus war zwar nicht streng religiös, aber sehr traditionell. Wir sind Sunniten und nach außen wirken wir wie eine moderne Familie. Aber wie in vielen türkischen Familien herrscht auch bei uns eine althergebrachte Rollenverteilung. Die Aufgaben von Männern und Frauen sind klar definiert. Da ist kaum Spielraum.

Meine Eltern kommen ursprünglich aus der Ägäis. Wir sind eine Großfamilie und viele unserer Verwandten leben in Izmir und Umgebung. Meine Eltern haben sich in Hamburg kennengelernt und geheiratet, beide sind in Deutschland aufgewachsen.

Die größte Herausforderung in meinem Leben war es, meine sexuelle Orientierung selbst zu akzeptieren. Heute bin ich 32 Jahre alt und ich ertappe mich selbst hin und wieder bei der Frage: »Wieso ich?«.

Als Kind entdeckte ich meine lesbische Orientierung

Bei meinem ersten körperlichen Kontakt zu einem Mädchen war ich erst 11 Jahre alt. Ihr Name war Pelin und sie war nur etwas älter als ich. Ihre Familie lebte in unserer Nachbarschaft und wir waren oft bei ihnen zu Besuch. Unsere Familien verstanden sich sehr gut, so konnte ich viel Zeit mit Pelin verbringen.

Eines Abends saßen wir vor dem Fernseher und schauten uns einen türkischen Film an. Sex-Szenen kamen damals in den Filmen nicht oft vor, aber hin und wieder konnte man sexuelle Handlungen erhaschen. Wir alberten herum und spielten die Szenen nach. Wir berührten uns. Es war alles völlig harmlos und unschuldig. Es fühlte sich gut an.

Diese flüchtigen Berührungen und kindliche Neugier hielten über ein Jahr. Es war unser großes Geheimnis, denn wenn es jemand erfahren hätte, wüsste ich nicht, was passiert wäre. Soweit reichte meine Vorstellungskraft nicht. Ich wusste nur, wir hatten nichts Gutes zu erwarten.

Unglücklicherweise erwischte uns Pelins kleine Schwester beim Knutschen. Ich erinnere mich noch so gut als wäre es gestern gewesen. Wir hatten unglaubliche Angst. Pelin war völlig panisch, dass unsere Eltern das erfahren könnten. Wir redeten auf die Schwester ein und sie behielt es für sich. Wir zahlten allerdings einen Preis für ihr Schweigen. Sie »erpresste« uns stets damit, etwas zu verraten, wenn wir ihren Willen nicht erfüllten.

Als ich etwa 13 Jahre alt war, kam der Tag, an dem Pelins Familie wegzog. Es brach eine Welt für mich zusammen. Nun war ich wieder alleine. Alleine mit diesen seltsamen Gefühlen.

Meine Selbstzweifel zerfraßen mich

In mir brennte es. Ich zweifelte an mir selbst und wusste nicht mehr, wer oder »was« ich bin. Ich begann mich wie im falschen Körper zu fühlen. War ich ein Junge, gefangen im Körper eines Mädchens? Ich bemerkte, wie sich sogar meine Körpersprache und Haltung veränderte. Ich beugte meine Schultern, versteckte meine Brüste. Meine Kleidung ähnelte immer mehr der eines Jungen.  Ich begann sogar wie meine männlichen Schulkameraden zu gehen. Es war die Hölle nicht zu wissen, was das war.

Die Erfahrungen mit Pelin waren zwar schön, aber ich verstand sie nicht. Bis zu meinem Outing habe ich niemals darüber gesprochen. Es war mir peinlich. Der Gedanke lesbisch zu sein war für mich so absurd und abwegig.

Mein muslimisch-türkisch geprägtes Milieu hatte Homosexualität stets als unnatürlich deklariert. Immer wenn ich nachfragte, hieß es: »Das ist halt so«. Tausend Fragen schossen mir jahrelang durch den Kopf. Fragen, die mich quälten. Wenn Frauen, Frauen lieben, ist das ein Verbrechen gegen Allah? Wenn meine Homosexualität eine unverzeihliche Sünde ist, wie groß würde die Bestrafung für solch ein Vergehen sein? Was fühlen und denken andere muslimische Frauen, die lesbisch sind?

Aus Furcht von Allah bestraft zu werden und die Familienehre zu besudeln, ließ ich mich nicht richtig auf meine Gefühle ein. Denn oft wurde ich Zeuge, wie in unserem Kulturkreis Lesben und Schwule Opfer von Gewalt wurden. Ich hatte solch fürchterliche Angst!

Erfahrungen mit türkisch-muslimischen Frauen haben mich stark geprägt

Als ich meine »ersten Schritte« machte, hatte ich auch mit lesbischen und heterosexuellen Türkinnen Geschlechtsverkehr. Lesbisch sein fand und findet mit ihnen in einer ganz anderen Form statt. Es ist eine Doppelbelastung. Unsere Beziehungen sind immer versteckt und von der Gefahr der Enthüllung begleitet. Sie ist jederzeit da, wie ein Schatten und die Strafe der Entlarvung ist hoch.

Eine besonders erschütternde Liebschaft hatte ich mit Ebru. Nachdem Sex verlangte sie immer, dass wir uns einer religiösen Waschung unterziehen und anschließend beten. Sie erklärte, dass es verboten sei, was wir machen. In Homosexualität zu leben sei eine Sünde. Wenn wir unsere Sünden bereuen, sei Allah gerecht und würde uns verzeihen und uns reinigen. Ebru hat es nie geschafft, mit sich selbst ins Reine zu kommen.

In einem anderen Lebensabschnitt lernte ich Cennet kennen. Aus einem One-Night-Stand erblühte eine 17-monatige Beziehung mit ihr. Allerdings war das zarte Blümchen an ihren Wurzeln zerfressen von Selbsthass. Weil sie nicht akzeptieren konnte, dass sie lesbisch ist und mit einer Frau schlief, verhielt sie sich wie ein patriarchalischer Macho.

Cennet schlug mich, sperrte mich zu Hause ein und raubte mir die Freiheit. Sie war krankhaft eifersüchtig. Sie tat immer so, als wäre sie hetero und gestand sich nie ein, dass sie bisexuell ist.

Der Alltag einer geouteten türkischen Frau ist die Hölle

Jeden Tag beginnt ein neuer Kampf. In der Gesellschaft werden wir als minderwertige Wesen, ja sogar als »Pädophilie« betrachtet und Familien meiden uns. Ich musste schon so oft mit der Polizei drohen, um endlich Frieden zu finden.

Als meine heimliche Beziehung mit Nurcan, einer 19-jährigen Alevitin, die mit ihrem Cousin zwangsverlobt war, aufflog, wurde ich von ihrer Familie massiv mit dem Tod bedroht. Aus Angst, dass ihr etwas passiert, brachte ich Nurcan in einem Frauenhaus unter. Daraufhin stürmte ihre Familie meine Wohnung, verprügelte mich und bedrohte mich stundenlang mit einem Messer. »Du scheiß Lesbe, du hast noch keinen richtigen Mann gehabt, nicht wahr? Den sollst du bekommen!«, schrie ihr Bruder mir in Gesicht.

Die brutalen Schläge ergaben Blutungen im Unterleib, ein blaues Auge und blutige Lippen. Mein Hass gegen diese menschenverachtenden Ansichten wuchs immer stärker.

Nach ein paar Monaten kehrte Nurcan zu ihrer Familie zurück. Ihr Leben ist seit dem nur noch die Hölle. Sie wird eingesperrt, ständig geschlagen und musste ihre Ausbildung abbrechen.

Als Türkin hat man es in der lesbischen Szene oft nicht leicht. Es ist ein unheimlich anstrengender Akt als türkische Lesbe zu leben.

Ein Kernproblem sind die Heimlichkeiten und die Lügen

Ich kenne viele muslimische Homosexuelle. Sie gibt es bundesweit und auch mein ganzer Bekanntenkreis besteht zum Großteil aus Homosexuellen. Eine Zahl kann ich nicht nennen, aber es sind sehr viele. Unter ihnen sind auch einige, die sich immer noch nicht geoutet haben.

Das Problem in der homoorientalischen Gesellschaft ist, dass viele, die das ausleben, es heimlich machen, weil sie Angst davor haben, was die anderen oder die Familie denken könnten. Sie haben Angst, dass sie im Namen der Ehre bedroht/ermordet oder von der Familie verstoßen werden.

Natürlich gibt es einen Bruch mit der Familie, natürlich gibt es viele Probleme.  Wir müssen aber unseren Familien und Landsleuten erklären, dass Homosexualität keine Krankheit ist.

Wir dürfen das Thema nicht totschweigen und uns dem Willen der Gesellschaft beugen.  Ansonsten ist ein lebenslanges Versteckspiel sowie die Verleugnung der eigenen Identität vorprogrammiert.

Solange wir selbst, die schwulen und lesbischen Muslime, es nicht schaffen unsere eigene Lebensweise zu respektieren, können wir das nie und nimmer von anderen erwarten.

Ich möchte respektvoll und aufrichtig behandelt werden und nicht einfach nur geduldet. Ich möchte so behandelt werden, wie es jedem Menschen in Würde und Freiheit zusteht. Ich bin nicht geistig oder körperlich krank.

Ich schreibe keiner Person vor, wie er oder sie leben soll, und respektiere alle Lebensmodelle. Im Gegenzug erwarte, dass mir niemand seine oder ihre Lebensweise aufzwingt. Die Menschenrechte schließen auch das Recht auf eine freie, sexuelle Orientierung ein.

Ich bin nur ein Sandkorn in der türkisch-muslimischen Gesellschaft. Ich habe aber dennoch das Unmögliche für mich möglich gemacht, damit ich innerlich in Frieden und Freiheit leben kann.

Diskriminierung betrifft uns alle!

Bahar M. aus Köln

Share