Die Abkehr einer deutschen Salafistin

Katja berichtet: Ich habe lange Zeit stets nach einem gewissen Sinn in meinem Leben gesucht. Nach einer persönlichen Lebenskrise im Jahre 2010 dachte ich die Lösung im Islam gefunden zu haben und konvertierte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich jedoch nicht, dass alles noch schlimmer werden könnte.

Religionen haben mich schon immer fasziniert. Schließlich wurde ich als Deutsche auch christlich getauft und lebte nach dem katholischen Kanon. Ich kann mir bis heute keine richtige Antwort darauf geben, wie ich in die Fänge der salafistischen Szene hineinrutschte. Wie konnte all das passieren und was war der Sinn hinter all dem?

Die Suche nach einer Antwort im Christentum vermochte mich nicht mehr zu erfüllen. Ich konnte auch noch nie so wirklich etwas mit der Trinitätslehre anfangen, also begann ich andere Bücher zu lesen. Bücher, die mir Antworten auf meine Lebenskrise geben sollten.

Meine erste Berührung mit dem Islam

Auf meiner Suche geriet irgendwann auch der Koran in meine Hände und darüber hinaus die Biografien von Menschen, die zu dieser Religion, dem Islam, konvertierten. Diese Menschen berichteten in ihren Werken von einer Spiritualität und Ruhe, die mich faszinierte. Die Zeilen im Koran berührten mich und weckten mein Interesse. Ich bemerkte erst später, wie ich anfing innerlich zu konvertieren.

Ich begann mein Leben etwas umzugestalten, aber dahin gehend, dass ich durch gewisse islamische Glaubensrichtlinien etwas mehr Stabilität in mein Leben brachte. Ich begann glücklicher zu werden. Mein Leben bekam wieder Farbe, denn ich fand wieder die Liebe zu meiner Familie und Freunde. Ja, ich konnte sagen, ich fand endlich zu meinem Glauben. Es klingt sehr schroff, doch ich tat etwas, was ich besser nicht gemacht hätte: Ich suchte den Kontakt zu anderen Muslimen.

Plötzlich war ich Muslimin

Natürlich wollte ich irgendwann mal das Innere einer Moschee sehen. Also nahm ich Kontakt zum hiesigen Moscheeverein auf, der mir auch sehr schnell mit einer Einladung zu einem persönlichen Gespräch in die Moschee antwortete.

Mit der Intention mir alles „nur mal anzuschauen“, bin ich also an jenem Tag zu dieser Moschee gegangen. Die Erwartungshaltung dort war jedoch eine ganz andere: Offenbar ging man davon aus, dass an jenem Tag eine Deutsche dort erscheint, die offiziell konvertieren wolle.

Ich persönlich war mir über diese Tatsache allerdings noch nicht so klar und habe im Rahmen eines Gespräches mit dem Imam und 12 weiteren (männlichen) Zeugen nicht wirklich überzeugende Argumente bekommen. Ich war noch nicht bereit zum Islam zu konvertieren.

Nichtsdestotrotz tat ich es. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, da ein Dutzend Menschen auf mich einredeten. Ich war völlig überfordert und dachte nur daran, wie ich wohl ich mich eigentlich im Islam fühlte. Also willigte ich ein, auch wenn ich alles etwas sonderbar empfand.

Meine Lebensweise veränderte sich rapide

Kurz nach meiner Konversion wurde ich von zwei Deutsch-Türkinnen abgefangen, die mir ganz herzlich zu diesem „Schritt“ gratulierten und mich umgarnten wie ein „Star“. Mir war nicht so wirklich klar, wie mir geschieht, aber ich fühlte mich auf sonderbare Weise irgendwie sehr wohl.

Man lud mich ein, die Wochenenden in einer sogenannten „Frauengruppe“ zu verbringen.
Dabei handelte es sich um konspirative Treffen in einer Gruppe von Frauen, die entweder kulturell oder durch ihre Konversion stark dem Islam und seinen festen Grundsätzen treu gegenüberstanden.

Ich bin sehr gerne zu dieser Gruppe gegangen, so hatte man doch endlich mal ganz andere Gesprächsthemen zwischen Frauen. Das gemeinschaftliche Backen und die Herzlichkeit untereinander war einfach mal ein wohltuendes Kontrastprogramm zu dem ganzen „Rumgezicke“, was man sonst so zwischen Frauen kennt.

Langsam aber sicher habe ich mich immer mehr verändert, ohne mir darüber bewusst zu werden. Es fing an, dass ich meine Ernährung umstellte. Dann habe ich meine Wohnung anders eingerichtet. Die Kleidung durfte plötzlich nur noch lang und weit sein und Schminke ging gar nicht mehr. Ich zog mich immer mehr aus meinem Freundes- und Kollegenkreis zurück, ohne es wirklich wahrzunehmen. Aus dem sonst so lebensfrohen Mädchen wurde plötzlich eine in sich komplett verschlossene Persönlichkeit.

In Marokko wurde ich zwangsverheiratet

Bei einer Veranstaltung in einer Moschee machte ich die Bekanntschaft mit einer gleichaltrigen Spanierin mit marokkanischen Wurzeln. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut und sie lud mich auch ein, ein Wochenende bei ihr zu verbringen. Da sie in Spanien aufgewachsen ist und sonst auch eher „locker“ war, konnte ich sehr schnell Vertrauen zu ihr fassen. Ich merkte auch rasch, dass sie innerhalb ihrer Familie eigentlich der „Mann“ war, da sie sehr selbstbewusst den Ton angab.

Sie lud mich ein, die Sommerferien mit ihrem Mann und ihrer Familie in Marokko zu verbringen. Eigentlich hätte ich an diesem Punkt schon anfangen zu müssen zu zweifeln, dass irgendetwas nicht stimmt, da sie mir sehr oft (zu oft) von einem Schwager erzählte, der eine „gute Muslima“ als Frau suchte. Solch eine Frau gebe es angeblich nicht oft vor Ort in Marokko und in mir glaubte sie eben diese Muslima gefunden zu haben.

Als wir im Sommer 2011 in Marokko ankamen, hat sich die Situation um 180° Grad gewandelt. Plötzlich war man nicht mehr so nett zu mir. Ich wurde gezwungen ständig in Gesellschaft dieser Marokkanerin, meiner eigentlichen „Freundin“ zu sein.

Ohne gefragt zu werden, wurde ich plötzlich auch mit diesem „Schwager“ in einem Zimmer untergebracht, der sich das nahm, was er wohl dachte, dass ihm zustehe, als mein „zukünftiger Mann“. Das war mir selbst zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht klar, aber was offenbar in dieser Familie schon felsenfest geplant und vorausschauend bedacht wurde.

Ich war durch die Vorkommnisse ziemlich durcheinander und verängstigt und hatte irgendwie auch den Verdacht, man habe mir toxische Substanzen ins Essen gemischt.
Mir ging es abrupt nämlich gar nicht mehr gut, sodass ich vor lauter Angst etwas falsch zu machen, mich dazu gezwungen fühlte, diesen Mann auch heiraten zu müssen.

Durch verbalen und physischen Druck brachte man mich dazu mit diesem Mann einen Ehevertrag vor einer Behörde in Marokko einzugehen, wohl wissend, dass dies ihm ein Ticket nach Europa verschaffen wird. Die Familie hoffte dadurch auf einen gewissen
Wohlstand, Reichtum und Prestige.

Ich war also nur Mittel zum Zweck. Und dabei tat diese Familie nur religiös. Wahrhaft gläubige Muslime würden auf diese Weise niemals den Weg nach Europa suchen. Davon abgesehen würde ein wahrhaft gläubiger Mensch ohnehin stets den Weg zu einem spirituellen Ort und niemals zu einem Ort der Industrialisierung, wie ihn Deutschland und andere westliche Länder ihn bieten, suchen.

Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen

Ich kam also zurück nach Deutschland und war irgendwie verheiratet. Ich wusste nicht, wie ich das meinen Eltern klar machen sollte. Mir wurde immer wieder gesagt, dass man durch eine Heirat die Hälfte seiner religiösen Pflicht erfülle.

In Deutschland wurde ich sofort unter „Bewachung“ der Familie gestellt. Da ich nun eine verheiratete Frau war, sollte ich plötzlich nicht mehr alleine wohnen. Es wurde unmissverständlich klar gemacht, dass ich entweder bei der Familie im Haus oder in ihrer Nähe zu wohnen habe, bis „mein Mann“ nach Deutschland einreisen durfte.

Zum Glück habe ich einen Stolz, der, wenn er gekränkt wird, sehr jähzornig werden kann. So kam es, dass meine ehemalige spanisch-marokkanische Freundin sich etwas zu sehr an einen Befehlston mir gegenüber gewöhnte und damit begann mir Anweisungen zu geben.

Da diese weder islamische noch logische Grundlagen hatten, fing ich an mich zu distanzieren. Dies wiederum öffnete mir den Kontakt zu ehemaligen Freundinnen, die sich die ganze Zeit schon um mich sorgten, aber dezent im Hintergrund blieben.

Ich weiß nicht, was es genau war, aber irgendetwas öffnete mir plötzlich die Augen und sagte mir, dass das was mit mir passiert war, alles andere als islamisch und legal war.

Mir wurde klar, dass diese Familie nur ein Medium brauchte, um diesen vermeintlichen Schwager nach Deutschland zu holen. Ich brach also von einem auf den anderen Moment den Kontakt zu dieser Familie ab. Dies führte natürlich dazu, dass der Telefonterror bei mir begann und ich auch einige abendliche Besuche vor meiner Haustür verzeichnen konnte, obgleich ich niemals die Tür öffnete oder auch ans Telefon ging.

Die Scheidung gab mir meine Freiheit zurück

Ohne zu zögern suchte ich mir einen Anwalt in Marokko. Ich hatte offenbar einen guten Schutzengel, denn ich fand einen ganz tollen älteren Mann, dem ich meine Geschichte aus Marokko erzählen konnte und der mir half, ein Gerichtsverfahren in Marokko gegen diese Familie einzuleiten.

Im Juni 2012 musste ich in Marokko persönlich vor Gericht erscheinen, um meine Geschichte auch vor dem Richter zu erzählen. Die Bemühungen haben sich gelohnt. Ich bekam recht, die Ehe wurde aufgelöst und man sprach mir eine Entschädigung von rund 2500 € zu.

Für diese Familie bin ich selbstverständlich gestorben. Und natürlich hatte man vor dem Gerichtstermin versucht, mich mit Geldforderungen zu erpressen und mundtot zu machen. Auch wurde mir verbal gedroht und auf offener Straße kam es zu Handgreiflichkeiten, die von dieser Frau, meiner damaligen Schwägerin ausgingen.

War das der wahre Islam?

Darüber irritiert und total durcheinander, was passiert ist, konnte ich nicht glauben, dass dies alles etwas mit dem Islam zu tun haben soll. Also bin ich erst recht zu den Moscheeveranstaltungen in dieser Frauengruppe in Deutschland gegangen, um mir endlich ein Bild vom „wahren“ Islam machen zu können.

Die „Schwestern“ in meiner Frauengruppe bemitleideten mich alle sehr und sprachen ihr Beileid aus und betonten stets, dass das was in Marokko passiert ist, nichts mit dem Islam zu tun habe. Man hat sogar versucht mich erneut zu einer Hochzeit zu ermutigen, sozusagen als Zweitfrau mit einem Mann aus Bangladesh oder Afghanistan. Auf meine Bedenken hin, dass eine Zweitfrau in dieser Gesellschaft doch gar nicht erlaubt und anerkannt sei, hieß es nur, man solle ja schließlich „helfen“. Das bedeutete etwa, dass der Mann sich seinen sexuellen Bedürfnissen hingeben kann, ohne dadurch „zina“ (Ehebruch) zu begehen.

Ich habe mich von allen Muslimen mit denen ich in Kontakt stand zurückgezogen, auch und vor allem von dieser Frauengruppe in meiner Stadt. Vor einiger Zeit traf ich auf eine Frau aus dieser Gruppe im Bus. Sie war ebenso wie ich eine konvertierte Deutsche. Sie erkannte mich und sah mich hasserfüllt an, denn ich legte meinen Hijab ab und trug wieder normale Kleider.

Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn man mich innerhalb dieser Frauengruppe mit einem „ausgesuchten“ Moslem verheiratet hätte. Vielleicht würde ich heute noch immer –oder erst recht – vollverschleiert durch die Gegend laufen und vom eigentlichen Weg, worauf es wirklich ankommt, total abkommen.

Aber Gott sei Dank, und ja, dafür danke ich Gott, hat er mir einen Schutzengel zur Seite gestellt, der schon einiges mit mir durchgemacht hat und mich vor Schlimmerem bewahrt hat. Ich habe viele Menschen in dieser Zeit verletzt, die mir wirklich Nahe standen, insbesondere meine Eltern. Und trotzdem haben sie mich niemals aufgegeben. Das zeigt mir, dass Liebe immer stärker sein wird als Hass, der verbreitet wird.

Der Teufel steckt meistens dort, wo man ihn niemals erwartet und Religionen bieten einen guten Nährboden für seine Existenz. Wenn Gott, der ja – so heißt es – allmächtig ist, wirklich Diener wollte, so könnte man nicht frei zwischen Gott und Satan entscheiden. Warum also nicht ein freier Mensch werden, der frei nach seinem Herzen und Gewissen handelt. Es ist doch der göttliche Funke, der uns alle einst aus Liebe erschaffen hat.

Für mich ist die Suche nach Gott eine Tugend. Die Erklärung seiner Existenz ist eine Gotteslästerung. Ergo sind Religionen eine Gotteslästerung, da sie die Existenz und den Willen Gottes erklären wollen.

Der Glaube allein bleibt wichtig – und weil es auch „Glaube“ heißt, kann keiner Genaueres wissen. Wir haben kein „Monopol“ auf Wissen, also bleibt die wahre Religion, sollte es so etwas jemals geben, für uns immer verborgen. Aber der Glaube an das Gute schweißt uns zusammen.

Ihre Katja

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