»Occupygezi« ist auch ein Aufschrei für mehr Frauenrechte

»Occupygezi« ist auch ein Ruf nach mehr FrauenrechtenSeit einer Woche herrscht in der Türkei der Ausnahmezustand. Was als Naturschutz begann, eskaliert nun im Aufstand der türkischen Zivilgesellschaft gegen staatlichen Despotismus und Missachtung der Menschenrechte. Darunter befinden sich auch zahlreiche Frauen, die für eine moderne Türkei protestieren. Für eine aufgeschlossene Gesellschaft, an der auch sie gleichberechtigt partizipieren können. Forderungen nach fairen Bildungschancen und dem Zugang zur Wirtschaft bilden dabei tragende Säulen.

In einem Bericht des Weltwirtschaftsforums zur Gleichberechtigung der Geschlechter  erreichte die Türkei Rang 126 von 134 erfassten Ländern. Berücksichtigt wurden in diesem Report politische Partizipation, Zugang zu Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung sowie die Repräsentanz in politischen Ämtern.

Der Schein einer perfekten Welt

Immer wieder berichtet die Türkei gerne über zwei Zahlen, die sie im Vergleich zur Europäischen Union bzw. Deutschland voraus hat: Einmal sind es die Hochschulprofessorinnen und im Weiteren der Anteil weiblicher Führungskräfte in türkischen Unternehmen. Dem World Economic Forum zufolge sind 12 Prozent der CEO-Posten der größten türkischen Unternehmen mit Frauen besetzt. Deutschland schafft es hingegen gerade mal auf 6 Prozent.

In der Türkei gibt es sie, die weiblichen Erfolgsgeschichten. Ohne Zweifel müssen wir diese Frauen sehen und hören, damit die nachfolgenden Generationen Vorbilder haben. Das ist wichtig und muss der Türkei gut geschrieben werden.

Es gibt überaus erfolgreiche Frauen wie beispielsweise Güler Sabanci, die letztes Jahr vom Forbes Magazine auf Rang 27 der mächtigsten Frauen der Welt gewählt wurde.  Damit ist sie mächtigste Frau der Türkei.

Die Schattenseiten des Glanzes

Doch diese Erfolgsgeschichten sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie sind der Lack, der den tiefsitzenden Rost verdeckt und den Schaden an der Substanz übertünchen soll. Etwa 70 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos. Dies bestätigt auch die Stiftung für wirtschaftspolitische Forschung in der Türkei (TEPAV). In ihrem Bericht 2012 warnen sie vor der starken Zunahme von Hausfrauen in der Türkei: „In der Zeit von März 2011 bis März 2012 stieg die Zahl derer, die aus dem Arbeitsleben ausschieden um 868.000 an. Nahezu 500.000 dieser Menschen setzen sich aus Hausfrauen zusammen“.  Rund 13 Millionen Frauen seien Hausfrauen und somit verschwendetes Potenzial.

Die ca. 30 Prozent Frauen, die einer Beschäftigung nachgehen, verdienen im Schnitt auch 70 Prozent weniger als die Männer. Eine türkische Frau verdient durchschnittlich etwa 7.800 $ pro Jahr. Ein Mann hingegen 26.000 $.

Tragisch ist auch, dass rund 52 Prozent der Frauen im Alter von 15 bis 29 Jahren weder berufstätig sind, noch zur Schule gehen.  Noch immer wird den Frauen die Rolle einer Hausfrau und Mutter auferlegt. Auch Ministerpräsident Erdogan rät den Frauen von einer Karriere ab, die stattdessen lieber drei oder mehr Kinder gebären sollen.

Laut OECD-Berichten absolvieren nur 18 Prozent eines Altersjahrgangs eine Hochschule. Angesicht dieser Zahlen sollte man die Situation der Frauen in der Türkei im Gesamtkontext betrachten und sich nicht zu sehr auf Vorzeigewerte wie positive Quoten in den Vorständen fixieren. Selbst diese Zahlen sind mit Bedacht zu betrachten, weil sich viele Top-Unternehmen in der Türkei in Familienhand befinden und diese naturgemäß lieber die Töchter fördern, als externen Managern die Führungsrolle anzuvertrauen.

Trotz aller positiven Entwicklungen hat die Türkei noch einen langen Weg vor sich, bis Frauen gleichberechtigte Akteure der Gesellschaft sind. Ich hoffe sehr, dass die gegenwärtigen Demonstrationen einen Wendepunkt in die Moderne einleiten.

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