Weisser Ring berichtet über meine Arbeit

Weisser RingDie Hilfsorganisation WEISSER RING ist die größte deutsche Opferschutz-Initiative mit mehr als 50.000 Mitgliedern. Kriminalitätsvorbeugung ist neben der Opferhilfe ein erklärtes Ziel des Vereins. In seiner aktuellen Mitgliederzeitschrift berichtet der Weisse Ring ausführlich über meinen Verein peri e.V., meine Arbeit und warum sie zu einem Spießrutenlauf verkommen ist.

Der nachfolgende Artikel ist in der Mitgliederzeitschrift des WEISSEN RING erschienen. Ausgabe 4/2013 – (Seite 6 bis 8)

von Ingrid Weber

Zwangsverheiratung heißt Unterdrückung auf Lebenszeit

Sie war 12, als die Eltern sie 1978 verloben wollten. Für das stille Mädchen Serap eine Katastrophe: Sie war ein Kind, sie wollte keinen Mann, sie wollte Bildung! Es folgten schmerzhafte Jahre. Mit 26 endlich konnte sie sich von allem Zwang befreien. Mit ihren beiden Kindern flüchtete sie auf abenteuerliche Weise ins Frauenhaus und wartete auf ihre große Liebe Ali. Mit der Befreiung, zu der auch das Nieder – schreiben ihrer Geschichte und ihrer Empörung über die Entrechtung muslimischer Frauen gehörten, beginnt Serap Çileli ihren Kampf gegen Zwangsverheiratungen von Mädchen und jungen Frauen, aber auch von jungen Männern. Sie hält Lesungen und Vorträge, ist im Fernsehen und in Zeitschriften präsent und berät immer mehr Hilfesuchende, bis sie endlich 2007 mit einigen Unterstützern den Verein peri e.V. – Verein für Menschenrechte und Integration gründete.

Der Vater sieht seine Ehre zerstört

Doch bis es so weit ist, erlebte sie lange Jahre schwerstes Leid. Der Verlobung entzog sie sich seinerzeit durch einen Selbstmordversuch, noch während die Familie des Bräutigams zu Besuch war – die sich empört zurückzog und sofort die Verlobung aufkündigte.

Vier Jahre erst lebte sie damals in Deutschland. Zuvor hatten die liebevollen Großeltern sie, die ältere Schwester und den jüngeren Bruder in der Türkei großgezogen. Schnell hatte sie deutsch gelernt, doch Freundinnen zu finden war schwierig – die Mädchen durften allenfalls zu ihr nach Hause, sie durfte nie die Freundin besuchen. Der Vater befürchtete, dort könnte sie mit Männern oder Jungen zusammen kommen. Allerdings erlaubte er Serap, mit dem Bruder in den Sportverein zu gehen, in dem auch die drei älteren Brüder, die schon länger in Deutschland lebten, trainierten. Damit war die Kontrolle der Tochter sichergestellt. Doch mit 12 wurde ihr erst der Sport verboten und dann der künftige Bräutigam präsentiert.

Für ihren Vater bedeutete die geplatzte Verlobung damals die größte Schande – er sah seine Ehre vernichtet. Um sie wieder herzustellen, musste das aufsässige Kind, das ihm gegenüber vor Angst erstarrte, schnellstmöglich aus dem Haus: Mit 15 wurde sie im Sommer urlaub an einen deutlich älteren Mann in der türkischen Heimat verheiratet – die Hölle für das Mädchen Serap.

Sieben Jahre war sie Vergewaltigungen, Misshandlungen, tiefer Verachtung und wüster Beschimpfung ausgesetzt. Die Schwiegermutter verfolgte sie mit ihrem Hass. Weil der Ehemann den Lebensunterhalt nicht erwirtschaften konnte, finanzierten die Eltern von Deutschland aus das Leben. Zwei Kinder hatte Serap, die sieben Jahre lang die Eltern immer wieder anflehte, einer Scheidung zuzustimmen und sie aus der alltäglichen Gewalt zu befreien.

Nach der Scheidung lebte sie in der Türkei in einem Haus der Eltern, die ihre Kinder mit nach Deutschland genommen hatten. In dieses Haus zog mit ihrem Mann auch die zwei Jahre ältere Schwester ein, die ihre Zwangsverheiratung ohne Widerstand erduldet hatte. Serap zog sich zurück, nutzte die Zeit, um sich auf sich selbst zu besinnen. Bei der netten Nachbarin lernte sie deren Sohn Ali kennen und entdeckte mit der Zeit, was Liebe ist und wie Liebe sein kann. Doch die Schwester verriet das Paar an die Eltern, die sie zurück nach Deutschland zwangen. Aus Sorge um ihre Kinder leistete sie Folge. In Deutschland stand Serap unter ständiger Kontrolle der Familie, die Eltern wohnten nebenan, nach der Arbeit musste sie dort den Haushalt erledigen, ehe sie sich müde in die eigenen vier Wände zurückziehen durfte.

Nächtliche Flucht

Ihren sehnlichsten Wunsch, den in der Türkei zurückgebliebenen Ali heiraten zu dürfen, lehnten die Eltern immer wieder ab. Weil aber eine Frau nicht alleine leben darf, wurde die nächste Zwangsheirat in Angriff genommen – Zeit, sich zu befreien. Mitten in der Nacht unter dem Schutz von anonymen Unterstützern, floh sie mit Sohn und Tochter in ein Frauenhaus, Hunderte von Kilometern entfernt. Trotz der Todesdrohungen durch den Vater emanzipierte sie sich endgültig. Nach langem Warten und vielen materiellen Entbehrungen gelang die freiwillige Heirat zweier sich liebender Menschen und die Zusammenführung der Familie, zu der dann auch eine gemeinsame Tochter gehörte.

Es war ihr Mann, der ihr vor Jahren riet, die Arbeit für bedrohte Mädchen, Frauen und junge Männer in einen Verein einzubinden. Ihr Sohn unterstützte die Idee, die mehr und mehr Gestalt annahm und schließlich in der Gründung von peri e. V. mündete. Peri heißt die „gute Fee“, ein schöner und passender Name für diesen Verein, bei dem bedrohte Menschen Hilfe finden können. Nicht nur ihr Mann und die Kinder, auch rund 100 Frauen und Männer arbeiten inzwischen ehrenamtlich in diesem Verein und dies auf vielen Gebieten, zum Beispiel als Fluchthelfer und Paten für junge Frauen, die ihre Familie verlassen haben.

Die 2. Vorsitzende, Brigitta Biehl, beobachtet Gerichtsverhandlungen zu so genannten Ehrenmorden und dokumentiert die einzelnen Prozesstage auf der Internetseite www.peri-ev.de. Dort findet sich zum Beispiel die Dokumentation zur Verhandlung des Mordes an Arzu Özmen aus Detmold, einer Jesidin, deren angeblich bestens integrierte Familie die Freundschaft mit einem Deutschen aus Gründen der „Ehre“ nicht zulassen wollte und die empfundene Schande mit der Tötung der jungen Frau auf Anordnung des Vaters durch die Geschwister „tilgte“.

Als dort gegen den Vater und die Geschwister verhandelt wurde, hat peri e. V. öffentlich Flagge gezeigt: „Wir standen an jedem Verhandlungstag vor der Tür des Landgerichts in Detmold“, berichtet Serap Çileli. Und sie haben einen Trauermarsch für Arzu organisiert, an dem über 500 Menschen teilnahmen und Serap Çileli sprach.

Boykott der Medien

Kurz darauf allerdings erlebte sie, dass sie kalt gestellt wurde: Sie sollte im ARD-Morgenmagazin auftreten und zum Prozess gegen die Mörder von Arzu berichten. Ihr Mann fuhr sie nach Köln, bei Blitzeis. Kurz vor dem Ziel kam der Anruf auf Ihr Handy, mit dem sie ausgeladen wurde, aufgrund eines aktuellen Themas: Polizeihunde brauchen eine Schule. Wenig später wurde sie auch von Günter Jauch wieder ausgeladen. Schon vorher hatte ihr der zu Bertelsmann gehörende Verlag blanvalet die Zusammenarbeit aufgekündigt. Keiner der Verlage, die sie danach anschrieb, gab ihr eine Zusage. So verlegt sie inzwischen ihr zweites Buch „Eure Ehre – unser Leid“ in einer Neuauflage selbst, es ist im Buch- und im Versandhandel und auch bald in englischer Sprache erhältlich.

Auch die Verhandlung gegen Bruder, Mutter, Cousin und zwei Onkel von Iptehal Al-Zein begleitete Anwältin Biehl als Berichterstatterin für peri e. V. Am 15. März 2013 begann vor dem Landgericht Hagen die Verhandlung, bei der die Zerrissenheit der jungen Frau zwischen Familie und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ebenso heraus gearbeitet wurde wie die Beteiligung der Angeklagten an der Tötung auf einem Parkplatz an der A 45, wobei die Mutter nur wegen ihrer Beschimpfungen zu einer Geld strafe verurteilt und vom Vorwurf der Tatbeteiligung freigesprochen wurde. Freigesprochen wurde auch einer der beiden angeklagten Onkel, weil es einen plausiblen Grund für seine Anwesenheit in der Nähe des Tatortes gab, der nichts mit dem Mord zu tun hatte.

„Sittlich unterste Schiene“

Serap Çileli zog schließlich das Fazit aus diesem Verfahren: „Der Prozess hat vor Augen geführt, dass mitten unter uns Menschen leben, die in Denkmustern verhaftet sind, die für die Mehrheitsgesellschaft nicht verständlich sind.“ Für den Verein dankte sie dem Gericht für die klaren Worte in der Urteilsbegründung, insbesondere für den Hinweis, dass diese Tat auf einer „sittlich untersten Schiene“ steht und durch keine Kultur gerechtfertigt ist.

Solchen Morden aus falschem und völlig übersteigertem Ehrgefühl wollen Çileli und Biehl mit peri e. V. entgegen wirken. Deshalb bieten sie bedrohten Mädchen, Frauen und jungen Männern Hilfe an – über 900 Hilfesuchenden haben sie bisher geholfen, einen Weg aus der Finsternis zu finden, unter ihnen etwa 70 junge Männer.

Fast alle von ihnen hatten Migrationshintergrund, sie kommen aus dem muslimischen Kulturkreis, überwiegend sind sie türkischer Herkunft. Sie sind in erster Linie von Zwangsheirat betroffen oder bedroht, berichtet Çileli. Doch es gibt auch andere Probleme, wie der Verlust der Jungfräulichkeit, der an 2. Stelle bei den Hilfegesuchen steht, gefolgt von erlebtem Inzest und Homosexualität, die weder bei Töchtern noch bei Söhnen geduldet wird.

Auch binationale Partnerschaften bilden unter denen, die peri e. V. um Hilfe bitten, eine starke Gruppe. In den letzten Jahren melden sich auch immer wieder Familien, deren Kinder in die Fänge extremistischer, meist islamistischer Gruppierungen geraten sind. Familien stehen hilflos davor, wenn Töchter, meist zwischen 15 und 21 Jahren, zum Salafismus gelangen und Söhne an den Dschihad verloren werden. Eltern und Geschwister wissen weder, wo ihre Kinder kämpfen gegen die „Ungläubigen“, noch, ob sie überhaupt noch am Leben sind.

Der Wali hat das Sagen

Unter dem Dach von peri e. V. finden diese Familien eine Anlaufstelle, 13 haben sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammengefunden. Die Familien haben begonnen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben: Was passiert, wenn die Tochter anfängt zu schwärmen von einer neuen Religion, anfängt, ihre Ernährung umzustellen, alle Bilder aus ihrem Zimmer verbannt, den Fernseher verteufelt und die Puppen der kleinen Schwester entfernt? Was passiert, wenn die Tochter konvertiert und Mutter und Schwestern plötzlich zu Huren erklärt, weil sie ihre neue Lebensweise nicht teilen wollen?

Auch diese deutschen Konvertitinnen sind von Zwangsheirat bedroht, erklärt Serap Çileli. Sie bekommen einen Vormund, der alles bestimmt, auch eine Konvertitin ist ja schließlich eine Frau und hat sich zu unterwerfen. Alleinstehende Frauen, das haben sie zu akzeptieren, bringen Unheil in die islamische Gemeinde, deshalb bestimmt der Wali ihre Verheiratung. Dem Netzwerk von peri e. V. haben sich inzwischen auch Aussteiger zugewandt, sie diskutieren mit den Familien darüber, was Eltern falsch gemacht haben und was sie richtig machen können.

Mitglieder und Spender finanzieren

Die gesamte Unterstützung leistet peri e. V. ehrenamtlich, die Mittel kommen von Mitgliedern und Spendern. Die öffentliche Hand unterstützt die Arbeit nicht. Ein Vorstandsmitglied hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gerichte um Bußgelder und andere Einrichtungen sowie Privatpersonen um Spenden zu bitten. Die Mitglieder zahlen aber nicht nur ihren Beitrag. Wenn es darum geht, bedrohte Menschen in Sicherheit zu bringen, dann engagieren sich viele von ihnen.

Für die Frauen, die älter als 18 Jahre sind, gilt es, Patenfamilien zu finden. Denn die jungen Menschen leiden unter dem Verlust ihrer Familie, auch wenn der Aufenthalt dort meist von Gewalt geprägt war. Sie bedürfen der Fürsorge und der Zuwendung und deshalb finden sich bei peri e. V. immer wieder Paten, die diesen Flüchtlingen, die aus Furcht um ihr Leben der Familie den Rücken gekehrt haben, in das neue Leben helfen. Sie stehen bei der Suche nach Ausbildung oder Arbeit, nach einer eigenen Wohnung und nach selbstständigem Leben an ihrer Seite.

Jugendliche können in Zufluchtstätten unterkommen, bei Minderjährigen ist das Jugendamt einzuschalten. Vielen Geflüchteten fehlt es am nötigsten, sie besitzen oft nichts als das, was sie am Leib tragen. Auch in diesen Fällen hilft die „gute Fee“.

Der Verein ist gut vernetzt mit anderen Institutionen, mit den wenigen Zufluchtstätten in einigen Großstädten ebenso wie mit dem WEISSEN RING und anderen Einrichtungen, die für Menschen eintreten, die von Gewalt betroffen und bedroht sind. Denn wenn sie auch gleiche Ziele haben, verfügen sie meist doch über unterschiedliche Möglichkeiten, den Betroffenen Hilfe zu leisten.

Forderungen an die Politik

Aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit – die sie quasi hauptberuflich leistet – leitet Serap Çileli eine Reihe von Forderungen ab, denn auf dem Gebiet der Gleichberechtigung für muslimische Mädchen und Frauen ist noch mehr als genug zu tun. In den drei bisher in Deutschland lebenden Generationen herrschen nach wie vor archaische Traditionen, die von Generation zu Generation weiter vermittelt werden und an denen nicht gerüttelt wird und auch nicht gerüttelt werden darf.

Es ist hilfreich, dass Serap Çileli und ihre Mitstreiter eine deutliche Sprache sprechen, für die sie immer wieder angefeindet werden, nicht nur von Muslimen, vor allem auch von allzugut meinenden Einheimischen. Sie lässt sich nicht klein kriegen und stellt fest: „Die Unterdrückung muslimischer Frauen öffentlich zu machen ist keine Ausländerfeindlichkeit und darf auch nicht als solche angesehen werden. Zwangsehe und Ehrverbrechen sind keine folkloristische Eigenheit der Zuwanderer, sondern eklatante Menschenrechtsverletzungen.“ Sie stellt klar:

■ Zwangsheirat ist sexuelle Nötigung
■ Zwangsheirat ist Menschenhandel
■ Zwangsheirat ist oft schwerer Kindesmissbrauch
■ Zwangsheirat kommt nicht selten durch Gewalt zustande
■ Wer sich Zwangsheirat verweigert, wird nicht selten aus der Familie ausgeschlossen und im Extremfall sogar ermordet.

Zwangsehe als Straftatbestand

Daraus zieht sie den Schluss: „Es ist für viele Frauen absolut lebensnotwendig, diese barbarischen Bräuche öffentlich anzuprangern. Denn nur so können wir diesen Unterdrückungsmechanismen ein Ende bereiten.“ Für Mädchen und junge Frauen, die von Zwangsheirat bedroht sind, müssen bessere Voraussetzungen und deutlich mehr Schutzeinrichtungen geschaffen werden. Zu ihrem Katalog an Forderungen gehört auch der Bereich Integrationsförderung durch Sprachförderung, schon in Kindergärten und allen Schulformen und vor allem auch für Importehefrauen und -männer.

Immerhin hat die Politik reagiert: Zwangsehen bilden seit 2011 einen eigenen Straftatbestand, der mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet wird. Opfer erzwungener Ehen, die ins Ausland verheiratet werden, haben jetzt ein deutlich längeres Rückkehrrecht. Auch wenn sie angefeindet oder von großen Sendern und Verlagen boykottiert wird, findet Serap Çileli Mittel und Wege, gehört zu werden. Sie ist vor allem im Internet präsent, mit ihrem vollen Namen auf Facebook, sie ist bei Twitter und auf YouTube vertreten, hat einen eigenen Blog im Internet unter www.cileli.de und natürlich ist auch der Verein peri e. V. mit einer eigenen Internet-Seite vertreten.

Seit 20 Jahren ist die streitbare Autorin in Sachen Gleichberechtigung für muslimische Frauen aktiv und dafür auch immer wieder ausgezeichnet worden. So sprach sie 2009 beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, sie erhielt unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den „Bul le Mérite“ vom Bund Deutscher Kriminalbeamter sowie den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage der Stadt Wiesbaden. Und sie lässt sich auf ihrem Weg keinen Maulkorb verpassen, von niemandem: „Ich werde weiterhin dafür kämpfen, dass das Leben für die muslimischen Frauen lebenswert wird.“

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