Wie muslimische Frauen einen Friedens-Jihad führen

Samina AliSind Musliminnen nur Opfer von Extremismus oder vielleicht auch der Schlüssel zur Beseitigung von Hass und Gewalt? Dieser spannenden Frage geht die indisch-amerikanische Schriftstellerin Samina Ali nach und stößt auf faszinierende Geschichten und Menschen.

Der folgende Artikel erschien am 11. September 2013 im »The Daily Beast«.

Muslimische Frauen werden allzu oft als Opfer von Unterdrückung oder als Unterstützer von Extremismus dargestellt, aber sie sind das Herzstück im Vorstoß für Mäßigung und Frieden in Ländern wie Ägypten und Afghanistan.

Als wir den 12. Jahrestag zum Gedenken an das Ereignis vom 11. September abhielten, wurde eine wichtige und oft übersehene Frage vergessen: Was haben muslimische Frauen seit 9/11 getan, um Frieden und Gerechtigkeit zu fördern?

Das ist eine Frage, die von wenigen gestellt wird, weil – entsprechend unserer gängigen Stereotypen – muslimische Frauen entweder im Bann gefährlicher, extremistischer Gesinnungen seien oder zu unterdrückt und untergeordnet gelten, als das sie eine aktive Rolle als Friedensvermittler spielen könnten.

Als Kuratorin für die weltweite Ausstellung »Muslima: Muslim Women’s Art & Voices«, vom »Internationale Museum of Women«, bin ich zu einer ganz anderen Meinung gelangt. Tatsächlich habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass muslimische Frauen eine ungehörte, geheime Ressource sind, was man vielleicht als globalen »Jihad für Frieden und Gerechtigkeit« bezeichnen kann.

Während der Kuratierung der Musliminnen-Austellung hatte ich die Gelegenheit, Hunderte muslimische Frauen in Führungspositionen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen aus der ganzen Welt zu treffen. Die Vielfalt unter diesen Frauen ist atemberaubend: verschiedene Sprachen, Kulturen, künstlerische Ausdrucksformen und verschiedene Spektren des Glaubens. Doch ich habe entdeckt, dass die Arbeit, der all diese Frauen in den letzten 10 Jahren nachgingen, ihre gemeinsame Leidenschaft bildet, die sie über alle Maßen in ihrem Schaffen für mehr Toleranz und Gleichberechtigung, durch kreative und oft mutige Bemühungen animiert.

Beispielsweise nutzt SuzeeintheCity, eine ägyptische Graffiti-Künstlerin, die Wände ihrer Stadt als Leinwand, um ihrer Sehnsucht nach Frieden und Selbstausdruck Geltung zu verleihen. Auf dem ersten Blick mag die Graffiti-Kunst nicht als eine ernsthafte Form des Widerstands erscheinen, doch »wenn man in einem Polizeistaat ständiger Unterdrückung und Angst ausgesetzt ist«, erzählt SuzeeintheCity in einem Interview, »ist es natürlich, dass die Wände komplett kahl sind und nur Kunst unter staatlicher Sanktion und Förderung erlaubt ist, die z.B. Mubarak und seiner Familie dient.«

Hinzu kommt, dass die gesamte Alphabetisierungsrate in Ägypten nur bei etwa 66 Prozent liegt, so dass die visuelle Verbreitung von Informationen effektiver ist als die von Texten. In diesem Kontext bekommt die Botschaft von SuzeeintheCity und anderen Straßenkünstlerinnen eine unmissverständliche Klarheit: Im Angesicht einer eskalierenden Kontrolle über die Freiheit und Rechte lassen sich diese unverwüstlichen Aktivisten nicht in die Stille treiben.

Eine andere Frau, die sich weigert zum Schweigen gebracht zu werden, ist Alka Sadat. Sie lebt in Afghanistan, wo die Taliban einst regierten und jegliche Formen von Medien (TV, Magazine, Zeitungen und u.v.m.) verboten, blieb die preisgekrönte Dokumentarfilmerin standhaft.

Als ich mit ihr für die Wanderausstellung sprach, gab sie zu, dass »wenn ich die Straße entlang gehen, habe ich immer Angst, dass jemand versucht, mich zu töten.«

Die Taliban und die Regierung haben versucht, die Protagonistin ihres jüngsten Dokumentarfilms, Maria Bashir, zu ermorden.  Der Film »Half Value Life« handelt vom täglichen Kampf von Bashir, der einzigen weiblichen Generalstaatsanwältin des Landes. Sie arbeitet in Herat, einem der korruptesten Städte des Landes, und hat sich der Aufgabe verschrieben, Frauen über ihre gesetzlichen und islamischen Rechte bei der Gleichstellung aufzuklären. Bestärkt durch dieses Wissen, haben die polizeilichen Anzeigen gegen männliche Täter ein Rekordniveau erreicht.

Als ich Bashir fragte, warum sie ihr eigenes Leben in Gefahr bringt, um anderen Frauen das Leben zu retten, sagte sie mir, dass Gerechtigkeit nur dann erreicht werden kann, wenn Frauen »sich ihrer Rechte bewusst sind. […] Ich sage ihnen immer, wenn sie in der afghanischen Regierung arbeiten, dann haben sie eine signifikante Rolle in der Rechtsstaatlichkeit und insbesondere bei der Gerechtigkeit für Frauen.«

Alka Sadat bestätigt Bashirs Ansichten und erklärt, dass die Gleichstellung der Geschlechter in einer verbesserten Lage der Menschenrechte in Afghanistan münden und damit zum Frieden führen wird. »Wenn wir Frieden haben, können mehr Menschen in den Genuss von Bildung kommen und damit auch mehr über Frauenrechte lernen«, sagt sie.

Warum sind Sadat und Bashir so überzeugt, dass mehr Gerechtigkeit für Frauen zu mehr Frieden führen wird? An einem Ort wie Afghanistan kann die Behandlung von Frauen eine große Bewährungsprobe für aufkommende Ideologien sein. Mit den anstehenden Wahlen im Jahr 2014 und dem Abzug der US-Truppen besteht die große Gefahr, dass die Taliban wieder die Macht erlangen könnten. Das ist nicht nur eine Bedrohung für die Frauen in Afghanistan, sondern überhaupt für den Frieden.

Fakt ist, dass Frauen ein besonderes Gespür für Extremismus haben und zugleich ein Schlüssel in der Bekämpfung sind, weil sie zu oft direkt und indirekt die Opfer sind.

Dalia Mogahed, ehemalige Geschäftsführerin von »Gallup Center for Muslim Studies«, stimmt zu, dass Frauen der Schlüssel zur Bekämpfung des Extremismus sind, direkt an seiner Quelle. Sie sagt, dass wenn wir Terroristen aufmerksam zu hören, dann »erkennen wir unter ihrer religiösen Fassade grundlegend politische und nicht religiöse Argumente. Von den Bostonbombern, bis hin zum grausamen Mord an einem britischen Soldaten in Woolwich, rechtfertigen Terroristen ihre Gewalt durch Berufung auf moderne Missstände und nicht auf mittelalterliche Exegesen.« Terrorgruppen wie Al-Qaida repräsentieren nicht nur eine Randerscheinung, ihre Opfer sind sogar in Wahrheit überwiegend Muslime, erklärt Mogahed. Al-Qaida benutzt die Wut junger Männer auf »oft berechtigte Kritik, um sie in ein Leben des Verbrechens zu rekrutieren.«

Was ist der beste Weg, um das zu verhindern? »Frauen«, sagt Mogahed. »Als Mutter, Lehrer, Wissenschaftler und Gemeindemitglieder haben Frauen eine wichtige Rolle in der Erziehung junger Muslime, damit sie begreifen, dass die Lehren des Koran einen Gegensatz zur Ideologie der Al-Qaida bilden.«

Wir müssen gemeinsam an das Potenzial eines globalen Frieden-Jihads glauben, angeführt von mutigen muslimischen Frauen, die ihrem Einsatz als Künstlerinnen, Gemeindemitglieder und Mütter Nachdruck verleihen.

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