Reem Abdellatif: »Warum sind wir überrascht, dass die Frauen in Ägypten noch immer nicht frei sind?«

Ägypten FrauenrechteDie Ägypter bewerben ihr Land gerne als ein Leuchtturm der Kultur, des Liberalismus und der muslimischen Bescheidenheit im Nahen Osten. Aber im Bezug auf die Freiheit von Frauen sind die Ägypter deutlich konservativer als ihre arabischen Nachbarn. Laut einer aktuellen Studie der University of Michigan befürworten etwa 57 Prozent aller Ägypter, dass Frauen ihre Haare in der Öffentlichkeit vollständig bedecken sollen.

Die Studie erfasste auch, dass nur 14 Prozent der Befragten die Ansicht vertreten, dass Frauen tragen dürfen, was sie möchten. Nachdem diese Ergebnisse veröffentlicht wurden, erlebten die Sozialforscher der Erhebung einen herben Widerstand seitens vieler arabischer Männer. Besonders in den sozialen Medien wurde die Studie zerrissen und zurückgewiesen. Aber wenn Sie schon mal in Ägypten gelebt oder zumindest mit einem durchschnittlichen arabischen Mann gesprochen haben, dann werden Sie schnell feststellen, wie sehr die Untersuchung die reale Situation der Frauen in Ägypten widerspiegelt. Diese Empörungswelle ist nur der Angst geschuldet, dass man die »schmutzige Wäsche« nicht öffentlich lüften möchte. Aber damit tun sie niemandem einen Gefallen, denn wenn wir diese Probleme ignorieren, füttern wir ständig diese »Bestie«.

Aber nur weil einige Ägypter behaupten, dass die Studie zu orientalistisch sei oder meinen, dass die westliche Welt regelrecht davon besessen ist, wie sich Frauen im Mittleren Osten kleiden, bedeutet das nicht, dass es keinen diskriminierenden Umgang mit Frauen in der arabischen Welt gibt.

Frauen, die selber ihre Kleidung wählen, gelten in Ägypten oft als soziale Außenseiter, weil sie es in einer patriarchalischen Gesellschaft wagen ihrer persönlichen Entfaltung freien Lauf zu lassen. Egal ob physische oder verbale Belästigung, die meisten Frauen in Ägypten sind von sexuellen Aufdringlichkeiten betroffen. Eine Reuters-Studie hat ergeben, dass Ägypten eines der schlimmsten Länder für Frauen ist. Die Vereinten Nationen berichten, dass unglaubliche 99 Prozent aller Ägypterinnen Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht haben.

Es ist an der Zeit für die Ägypter, dass sie ihren Stolz beiseite legen und erkennen, dass die Lebensbedingungen für Frauen wirklich miserabel sind.

Täglicher Missbrauch

Ich persönlich kenne ägyptische Frauen, die Nervenzusammenbrüche als Folge von sexuellen Missbrauch hatten. Ich kenne Frauen, die sich in ihre Häuser eingeschlossen haben, um Übergriffe zu vermeiden. Diese Frauen haben mir berichtet, dass sie nicht ohne einen männlichen Begleiter wie Bruder, Vater oder Sohn die Öffentlichkeit betreten.

Ich habe fast sieben Jahre in Ägypten gelebt. Wie die meisten Frauen und Mädchen war ich auch verbalen und körperlichen Missbrauch ausgesetzt. Ich wurde dermaßen oft belästigt, dass ich recht schnell eine Paranoia entwickelte, wenn ich in der Öffentlichkeit war. Wenn ich alleine die Straßen Ägyptens entlang lief, blickte ich immer wieder über meine Schultern, um zu schauen, ob mir ein Mann folgt. Wie die meisten Frauen war ich in ständiger Alarmbereitschaft und konnte mich in der Folge nicht frei ausleben.

Um die Aufmerksam von mir abzulenken, trug ich lange Kleidung, schminkte mich nicht und trug meine Haare niemals offen. Doch selbst mit diesen Vorsichtsmaßnahmen wurde ich von Männern und sogar teilweise Jungen belästigt. Sie machten Bemerkungen über meine Brüste und meinen Körper. Es waren oft widerliche Zurufe, bei denen ich mir wünschte, ich wäre niemals als Frau geboren oder wäre zumindest nicht ihrer Sprache mächtig. Ich hörte manche Männer murmeln, wie sie gerne ihren Penis in meine Vagina oder Anus einführen würden.

So sollte es wirklich nicht sein, aber das ist nun mal die Realität. Diese Art von Missbrauch bedeutet die Begrenzung der gesellschaftlichen Partizipation von Frauen. Wenn man nicht gerade in einer Seifenblase lebt, kann man diesem Alptraum kaum entkommen.

Diese Art des täglichen Missbrauchs treibt viele Frauen und Mädchen in Ägypten in eine emotionale und mentale Depression. Die Situation ist derart miserabel, dass sie sogar die stärksten Frauen in ihre Häuser treibt. Auch wenn viele Kritiker in ihrer persönlichen Traumblase sitzen und sich der Realität verschließen, so sind die Umstände für uns Frauen die tägliche Norm in Ägypten.

Haben wir wirklich die Wahl uns zu kleiden, wie wir möchten?

Viele Kritiker der Studie widersprechen den Ergebnissen und führen zu Felde, dass sich die Frauen doch selber für diese Kleidung entscheiden, weil es ein Teil ihrer Kultur wäre.

In einigen Fällen wählen Frauen natürlich den Schleier, um sich Allah näher zu fühlen und das ist auch ihr persönliches Recht. Aber der Schleier ist in Ägypten zu mehr geworden, als nur eine religiöse Praxis. Ich habe endlos viele Frauen gesprochen, die mir erzählten, dass sie den Schleier abnehmen würden, wenn sie nicht dazu gezwungen wären. Viele dieser Frauen wurden auch von ihrer Familie, Freunden und sogar Polizeibeamten gewarnt, dass sie sexuelle Übergriffe mit dem Tragen enger Kleidung provozieren. Wenn sie ihre Haare nicht bedecken und sich insgesamt außerhalb der gesellschaftlichen Norm bewegen, so seien Belästigungen quasi »selbstverschuldet«.

Also glauben viele Frauen, dass der Schleier sie vor Sexualstraftaten schützen könne, aber so einfach funktioniert das nicht!

Dann gibt es da noch die Art von Frauen, die ihren Weg in die Popkultur gemacht haben. Beispielsweise Donia Samir Ghanem, ein junge Popsängerin und Teil einer selbsternannten liberalen Elite Ägyptens. Die Sängerin, eine Art Britney Spears Ägyptens, schrieb einen Song darüber, wie sie sich vollkommen für ihren neuen Freund verändert hat. »Ich begann mich so anzuziehen, wie er es wollte. Ich widersprach nie seinen Worten und ich betrachtete alles so, wie er wollte, dass ich sie sehe. Ich gehorche ihm bis zu letzten Buchstaben. Ich spreche nicht mit anderen Jungs und er sucht mir sogar meine Freundinnen aus. Bei ihm fühle ich mich wie eine Erstklässlerin und das komische daran ist, dass ich es mag!«

Das mag der Lebensstil von Ghanem sein oder auch nicht, aber ihr Lied wird einer breiten, heranwachsenden Bevölkerung als Verhaltensvorgabe serviert. Viele junge Mädchen glauben, dass sei die Art, wie sich eine Frau zu verhalten habe, um ihren Mann zu gefallen. Mit dieser Mentalität werden jungen Frauen und Mädchen in dem Glauben herangezogen, dass ihre eigene Meinung oder Entscheidung nichts zählt.

Ist es dann wirklich so überraschend, dass die Umfrage der University of Michigan herausfand, dass nur eine handvoll Menschen glauben, dass eine Frau sich so anziehen solle, wie es ihr beliebt?

Anstatt Frauen zu sagen, wie sie sich kleiden sollen, müssen sich die Ägypter ihrer »Vergewaltigungskultur« stellen. Die Art und Weise wie sich eine Frau kleidet, sollte niemals eine Ausrede für Missbrauch sein. In Wahrheit beschränken sich die sexuellen Übergriffe nicht auf unverschleierte Frauen. Das ägyptische Zentrum für Frauenrechte fand im Jahr 2008 heraus, dass 73 Prozent aller missbrauchten Frauen bereits einen Schleier trugen.

Die einen beschuldigen die radikalen Islamisten, dass sie die Kultur verdorben hätten und die anderen beschuldigen die ungebildeten jungen Männer, die kaum Chancen auf eine Hochzeit haben wegen der ökonomischen Krise.  Das alles darf keine gültige Ausrede mehr sein, denn auch Nicht-Islamisten und verheiratete Männer vergewaltigen Frauen. Seit dem Sturz von Mohamed Mursi und des islamistischen Blocks durchlaufen die Ägypter eine Identitätskrise und weigern sich zu erkennen, dass der Sexismus ein fester Bestandteil einer Kultur ist, die vom patriarchalischen Militärregime seit mehr als 60 Jahren gestärkt wurde.

Vom Militär gestärkt, verweigert die alte Garde seit sechs Dekaden die Reform der Schulen und des Schulsystems. Dadurch begrenzen sie systematisch die Redefreiheit, Kinder, Freidenker und Frauen. Die Ägypter glauben, dass sie mit dem Putsch gegen Mursi die radikalen Islamisten besiegt und sich vom Rückschritt und der Ignoranz befreit haben. Doch trotz des »Arabischen Frühlings« werden den Frauen noch immer ihre Grundrechte verweigert.

Es ist an der Zeit zuzugeben, dass die Ausgrenzung und Unterdrückung der ägyptischen Frauen mehr als Islamismus oder Sexbesessenheit ist. Die gesamtgesellschaftlichen Probleme sind weit größer.

Die Autorin, Reem Abdellatif, ist ägyptisch-amerikanische Journalistin und schreibt u.a. für The Daily News Egypt, Los Angeles Times, The Wall Street Journal, BBC und GlobalPost.

Der englische Artikel erschien im original am 15. Januar 2014 unter www.womenundersiegeproject.org

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