In den Sommerferien droht die Zwangsheirat

zwangsheirat-sommerferienAachener Zeitung: Die Menschenrechtlerin Serap Cileli kämpft in Deutschland für die Rechte junger Migrantinnen. Dafür wird die 49-Jährige nicht selten mit dem Tod bedroht.

Artikel erschien am 18.02.2015 in der Aachener Zeitung / Aachener Nachrichten

Von Anja Clemens-Smicek

Aachen. Serap Cileli weiß aus eigener Erfahrung, was das Wort Zwangsheirat bedeutet. Als Zwölfjährige sollte sie an einen Freund der Familie verschachert werden. Keine Anzeichen hatte es bis zu diesem Zeitpunkt gegeben, dass sie so brutal aus ihrer vertrauten deutschen Umgebung herausgerissen würde. In ihrer Verzweiflung beging sie einen Suizidversuch, der die Eltern aber nur kurz von ihrem Vorhaben abbrachte. Drei Jahre später wurde das Mädchen mit einem türkischen Bauern zwangsverheiratet. Es folgten sieben Jahre des Martyriums, ehe Serap Cileli nach Deutschland zurückkehrte.

Seit mehr als einem Jahrzehnt gehört die 49-Jährige zu den leidenschaftlichsten Kämpferinnen gegen Zwangsheirat und Ehrenmord. 2008 gründete Cileli den Verein „peri“ (türkisch für: die gute Fee), der sich als erste Anlaufstelle für junge Migrantinnen etabliert hat.

Für ihr Engagement wird die Menschenrechtlerin und Publizistin, die selbst alevitischer Konfession ist, von der muslimischen Gemeinschaft gescholten, denn sie rechnet schonungslos mit ihresgleichen ab. Selbst Todesdrohungen schrecken Cileli nicht davor zurück, offen ihre Meinung zu sagen. „Zwangsverheiratungen werden genauso wie Ehrenmorde in unserer Gesellschaft totgeschwiegen“, resümiert Cileli im Gespräch mit unserer Zeitung. Viele Migranten lebten in einer hermetisch abgeschlossenen Parallelgesellschaft, die von den Traditionen des jeweiligen Herkunftslandes bestimmt werde. Sätze, gegen die sich die Islamverbände verwahren.

Täter werden hart bestraft

Vor zehn Jahren sorgte erstmals ein Mord im Namen der Ehre für Schlagzeilen in Deutschland. Die 23-jährige Hatun Sürücü war am 7. Februar 2005 an einer Berliner Bushaltestelle von einem ihrer Brüder getötet worden, weil der streng muslimischen Familie ihr westlicher Lebensstil missfiel. Der Mord schreckte die Gesellschaft auf. Einiges, sagt Cileli, habe sich seither zum Positiven entwickelt.

„Als ,peri‘ gehen wir in die Prozesse und machen die Erfahrung, dass die Täter für einen Ehrenmord hart bestraft werden. Die Richter sind sensibilisiert“, sagt die 49-Jährige. Und weiter: „Unsere Arbeit wird wahrgenommen, nicht allein wegen unserer Mahnwachen vor Gerichtsgebäuden.“ Als richtigen Schritt bewertet sie auch die Hotline „Gewalt gegen Frauen“, die das Bundesfamilienministerium Ende 2012 eingerichtet hat.

Ob es nun an einer besseren Aufklärung oder den Hilfsangeboten liegt: Serap Cileli erlebt in ihrer täglichen Arbeit eine Zunahme der Hilferufe. Jährlich würden sich 80 bis 100 Mädchen und Frauen bei „peri“ melden – aus Furcht vor einer Zwangsheirat. „Viele Betroffene müssen wir intensiv betreuen“, sagt die Aktivistin und fügt hinzu: „Das Schlimmste ist, die gefährdeten Mädchen werden immer jünger.“ Zwischen 15 und 22 Jahre alt seien die Muslima, wenn sie den Kontakt zu „peri“ suchten. Um das Ausmaß der Problematik in Deutschland zu erfassen, wäre belastbares Zahlenmaterial nötig. Doch das gibt es kaum. Mit der vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Studie Zwangsverheiratungen in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen wurde 2011 erstmals bundesweit Datenmaterial gesammelt. Demnach hatten im Jahr 2008 ingesamt 3443 Mädchen und Frauen Hilfe bei Beratungsstellen gesucht, weil sie zwangsverheiratet wurden oder ihnen eine Zwangsehe drohte. Doch Experten warnten schon damals: Die Dunkelziffer liege viel höher.

Laut Studie werde jede dritte Betroffene im Zusammenhang mit der Zwangsverheiratung mit dem Tod bedroht. Zwei Drittel der Frauen hätten bereits in ihrer Erziehung Gewalt erlebt.

Das kann auch Serap Cileli bestätigen. „Die Mädchen, die zu uns kommen – überwiegend Türkinnen –, wachsen in der Regel schon mit häuslicher Gewalt auf. Man gibt ihnen das Gefühl, ein zweitklassiges Wesen zu sein. Die Drohung mit Zwangsverheiratung steht immer im Raum.“

Der Erstkontakt der Betroffenen mit „peri“ erfolgt häufig über Dritte – Psychologen, Mitarbeiter des Jobcenters oder auch Lehrer. Über diese Stellen nehme „peri“ Kontakt mit den Mädchen auf. „Wir treffen uns an neutralen Orten, bauen eine Vertrauensbasis auf und zeigen ihnen, welche Möglichkeiten sie haben. Die jungen Frauen leben in großer Angst.“ 90 Prozent würden es ablehnen, dass „peri“ in der Familie die Situation klärt. „Die Eltern fühlen sich gleich in ihrer Ehre verletzt oder bedroht“, weiß die Menschenrechtlerin über die Befindlichkeiten in patriarchalischen Familienstrukturen.

Sind die Mädchen unter 18, sei das Jugendamt die erste Anlaufstelle. „Die meisten lehnen das aber ab. Dann bleibt uns nur noch eine Hinhaltetaktik“, sagt Cileli. Sie rate den Betroffenen, die brave Tochter zu spielen, um die Heirat zu verschieben. Denn die Zwangsehe gilt nicht selten als Disziplinarmaßnahme für die vermeintlich ungehorsame Tochter.

Angst vor den Sommerferien

Besonders groß ist nach Erfahrungen Cilelis die Angst vor den Sommerferien. Unter dem Vorwand eines Urlaubswürden die jungen Migrantinnen in das Herkunftsland ihrer Eltern gelockt, um sie dann mit einem Mann zu verloben. „Wenn die Reise nicht zu verhindern ist, versorgen wir die Mädchen mit Adressen von Kontaktpersonen vor Ort, die kurzfristig eingreifen können.“ Denn der schlimmste Fall solle mit aller Macht vermieden werden: dass dem Mädchen der Pass abgenommen und es mit einem fremden Mann verheiratet wird. Damit einher gehe oft der Abbruch der Schule oder der Ausbildung.

Größer sind für den Verein die Hilfsmöglichkeiten, wenn die jungen Frauen über 18 sind. „Wir haben eine lange Liste von Patenfamilien, in denen sie anonym Zuflucht finden können“, so Cileli. „peri“ habe ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut. „Wenn wir etwa in Aachen jemanden haben, der von Zwangsheirat bedroht ist, bringen wir ihn zum Beispiel in eine Familie nach Stuttgart und von dort nach Mainz.“ Pro Jahr gebe es durchschnittlich 15 Fälle, in denen die Spuren so verwischt würden, damit die Familien die Frauen nicht mehr finden.

Seit fünf Jahren beobachtet Serap Cileli ein neues Phänomen: „Wir bekommen immer mehr Hilferufe von deutschen Familien, deren Töchter plötzlich zum Islam konvertiert sind.“ Dabei spiele der Salafismus eine große Rolle. Erst im Januar hatte die Menschenrechtlerin vor dem Innenausschuss des hessischen Landtags vor den Gefahren in Deutschland gewarnt. „Diese Mädchen finden irgendwo im Netz eine Predigt von Pierre Vogel oder haben Freunde aus der Szene und schließen sich dann dem Salafismus an“, sagt Cileli. Einige dieser Frauen seien sogar nach Syrien gereist,um die Terrorgruppe Islamischer Staat im Kampf zu unterstützen. „Für die Eltern ist das ein Schock, wenn die Tochter, die bis vor kurzem noch Partys gefeiert hat, sich derart radikalisiert.“

Die Mädchen stammen nach Erfahrung Cilelis oft aus Problemfamilien, die Eltern befänden sich etwa in der Trennungsphase. „Die jungen Frauen sind auf der Suche nach Halt und finden ihn im Salafismus.“ Unter seinem Vereinsdach hat „peri“ eine Selbsthilfegruppe gegründet, die auch in der Schweiz und Österreich tätig ist. Den Islamverbänden in Deutschland wirft Cileli vor, die Probleme zu ignorieren. „Da heißt es immer, das habe nichts mit dem Islam zu tun, man befürworte weder Ehrenmord noch Zwangsverheiratung. Aber was glauben Sie, rät der Imam in einer Milli-Görüs- Moschee einem Mädchen, das ihm seine Ängste offenbart?“

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