Türkei: Jeder Fünfte befürworte Gewalt im Namen des Islam

istanbulDas in Ankara ansässige Sozialforschungszentrum MetroPOLL hat im Berichtszeitraum vom 17. bis zum 20. Januar 2015 etwa 2.760 Türken zu den Themenfeldern Religion, Gewalt und Freiheit befragt. So würden am Beispiel der Anschläge von Paris 20 Prozent der Befragten, umgerechnet etwa 15 Millionen Türken, Gewalt im Namen ihrer Religion befürworten. Knapp 43 Prozent sind der Ansicht, dass die islamische Welt das wahre Opfer der Anschläge sei.

Unter den Umfrageteilnehmern waren 80.5 Prozent nach eigenen Angaben türkischstämmig. Nur 13.3 Prozent gaben an Kurden zu sein. Fast 91 Prozent gehören der sunnitischen Strömung des Islams an. Rund 72 Prozent der Befragten lagen in der Altersgruppe zwischen 18 und 44 Jahren. Knapp die Hälfte verfügt über mindestens einen mittleren bis gymnasialen Schulabschluss.

Im Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit und Prophetenbeleidigung

Die Veröffentlichung der Mohammed-Karikatur und die Ermordung von 12 Menschen in Frankreich werden in der Türkei sehr weitläufig aufgefasst und umstritten wahrgenommen. 56 Prozent der Bevölkerung seien der Ansicht, dass die Satirezeitschrift Charlie Hebdo zwar den Propheten beleidigt habe, doch sie würden die Mordanschläge verurteilen. 20 Prozent der Befragten kritisieren die Veröffentlichung des Satiremagazins als Prophetenbeleidigung und bewerten das Attentat als rechtmäßige Strafe. Lediglich 16 Prozent verurteilen den Anschlag als einen Angriff auf die Meinungsfreiheit.

Verschwörungstheorien dominieren das öffentliche Meinungsbild

Die Identität, Verbindungen und Motive der Attentäter sind breit diskutierte Kernpunkte der medialen Berichterstattung in der Türkei. Auf die Frage, wer wohl hinter den Anschlägen stecke, antworteten nur 31 Prozent mit radikalen Islamisten. 44 Prozent hingegen zeigten sich davon überzeugt, dass ausländische Geheimdienste hinter dem Massaker die Fäden gezogen hätten. Innerhalb der Wählergruppe der Regierungspartei AKP sind es sogar 56 Prozent, die eine ausländische Verschwörung vermuten würden. Insbesondere die klassischen Feindbilder USA und Israel.

Die wahren Opfer seien die Muslime weltweit

Bei der Identifikation der Opferverhältnisse gaben 22 Prozent der Befragten zu Protokoll, dass die ermordeten 12 Menschen und ihre Angehörigen in Paris die leidtragenden des Attentats seien. 24 Prozent weichen von dieser Ansicht ab und empfinden die Muslime in Europa als die wahren Opfer. 43 Prozent gehen sogar so weit, dass sie die gesamte, globale Umma als Zielscheibe dieses Attentats betrachten.

Legitimiert der Islam Gewalt?

74 Prozent der Befragten bezogen die klare Haltung, dass der Islam Gewalt nicht dulde. Immerhin sollen 20 Prozent Gewaltakte im Namen ihrer Religion, unter bestimmten Bedingungen, durchaus für gerechtfertigt erachten. Zum Vergleich: Im Vorjahr hielten lediglich 13 Prozent religiös begründete Gewalt für angebracht. Dass diese Stimmen innerhalb der Regierungspartei AKP sogar bei 34 Prozent liegen, ist mehr als besorgniserregend.

15 Prozent der Befragten sollen die Bestrafung jener befürworten, die sich vom Islam abwenden. Wie diese Strafe allerdings aussehen soll, wurde in der Studie nicht erörtert. Innerhalb der Anhängerschaft der AKP liege dieser Wert sogar bei 23 Prozent. Eine Bestrafung wegen der Beleidigung des Islams sei für 44 Prozent durchaus legitim. Bei der AKP-Anhängerschaft würden sogar 61 Prozent eine Bestrafung unterstützen.

Dies bezeugt insgesamt einen düsteren Zeitgeist und deutet auf einen schariatischen Mentalitätswandel gen Nahen Osten.

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