In der
türkischen Gesellschaft - wie auch in anderen patriarchalischen
Gesellschaften - sind Unterdrückung, Einschränkung, Mißhandlung
und Gewalt gegen Frauen/Mädchen an der Tagesordnung. Ich selbst
bedauere vielmehr, daß dieses minderwertige und gemeine Verhalten
der Männer in der Gesellschaft als bedenkenlos angesehen wird.
Dies ist aus meiner Sicht ein noch größeres Verbrechen -
über das andere Geschlecht - die Männer wird nicht gerichtet.
Gerichtet wird nur über uns Frauen.
Die türkischen Medien
wie auch andere Medien zensieren häufig die männliche Gewalt
und oft vermitteln sie ihre parteiergreifenden Eindrücke weiter,
so daß die Handlungen der Männer zum Schluß gerechtfertigt
werden. In einigen Fällen behaupten sie auch, daß die Frauen
die Hauptverantwortung für die aggressiven Handlungen der Männer
tragen, ja, sogar die Herausfordererinnen seien.
In der islamischen Türkei ist die Stellung der Frau nicht mit der
der Frau im Westen vergleichbar, auch nicht vor dem Gesetz. Schauen
Sie, wenn ein Mann seine Frau umgebracht hat, selbst wenn sie sich von
ihm getrennt hätte, kann er sich auf die "Legitime Verteidigung"
berufen, mit der Begründung: Sie sei ihm untreu gewesen, sie
hätte als Trägerin seiner Familienehre die Regeln gebrochen.
Wie wir hören,
gehen die türkischen Frauen mit Angst durch die Welt, den Frau
sein heißt in unserer Tradition, Religion und Kultur, Angst haben
- ein eingeengtes Leben führen - immer mit der männlichen
Gewalt rechnen.
Für unsere türkischen
Frauen, die nach Europa eingewandert oder hier geboren sind, gelten
die gleichen, wenn nicht sogar noch härtere, Normen und Vorschriften.
Und hier kommen wir den Fragen näher, die mir öfters gestellt
wurden/werden. Zahlreiche Leser/innen schreiben anonyme sowie auch namentliche
e-Mails, oder nehmen telefonischen Kontakt auf. Sie berichten von ähnlichen
Fällen in ihrer Umgebung und fragen nach Lösungen, nach Möglichkeiten,
suchen nach Ratschlägen, wie sie diese Frauen und Mädchen
unterstützen können. Leider konnte/kann auch ich ihnen nicht
mehr bieten, als meinen gesunden Menschenverstand, menschlichen Zuspruch,
meine Erfahrungen, meine Untersuchungen und meinen Beistand.
Denn: "Mensch
sein heißt Verantwortung fühlen: sich schämen beim Anblick
einer Not, auch wenn man offenbar keine Mitschuld an ihr hat."
Saint- Exupery
Mut zum Neuanfang
Es gibt in ganz Deutschland Beratungsstellen für Frauen und Mädchen,
in denen man Hilfe in verschiedenen Problemsituationen und Fragen erhalten
kann. Gewiß mangelt es noch in unserem Land an Migrantenspezifische
Projekte. Es gibt zum Beispiel, kaum Einrichtungen mit türkischsprachiger
Betreuung und Beratung, so daß sie auch für die türkischen
Mitbürgerinnen zugänglich sind. Denn, die Hilfebedürftigen
türkischen Frauen / Mädchen bevorzugen Betreuungseinrichtungen
die sich in Migrationfragen auskennen - sie in ihrer Heimatsprache Betreuen-
und besonders wichtig ist, daß kulturspezifische Einfühlungsvermögen
der Betreuerinnen. Man ist sich dieser Lücke Bewußt, aber
darüber zu sprechen oder solch ein Thema überhaupt zur Debatte
zu stellen war niemals leicht. Möglicherweise wird es auch nie
sein, weil die integrations-- Probleme und die andere Welt der Türken,
aus politischer Sicht, unantastbar ist. Ein Tabu Thema! Ich möchte
aber jetzt nicht über politische Versäumnisse sprechen, sondern
ihnen Online Datenbanken nennen wo sie nach Adressen erfragen können,
um fachmännische Hilfe zu erhalten. Sie können aber auch jederzeit
sich an mich wenden, falls sie kulturelle Fragen haben.
Noch ein paar Worte
zum Schluss.
Je mehr Frauen und Mädchen sich selbst emanzipieren und öffnen,
um so freier, gesünder, zufriedener und heiterer können wir
in Zukunft in unsere Gesellschaft leben.
Serap Cileli