Was sind Ehrenmorde?

Ehrenmorde in Deutschland
Bild: Terre des Femmes

Was sind Ehrenmorde? – Die Frauen sind die Ehre der Familie

Was sind Ehrenmorde? Was bedeutet die Ehre und das Ansehen in diesem Kontext? »Die Ehre« ist für die traditionelle türkisch-muslimische Familie von zentraler Bedeutung. Ich hatte den Begriff »namus« zum ersten Mal von meiner Großmutter gehört, als ich noch klein war. Damals wusste ich nichts damit anzufangen. Als die Eltern uns Kinder dann nach Deutschland geholt hatten, hörte ich das Wort immer wieder, und langsam fing ich an zu begreifen, was es bedeutet. Wir Mädchen und Frauen sind die Ehre der Familie. Wir müssen uns immer und überall vorbildlich verhalten, so lautet die Maxime der traditionell muslimischen Erziehung: »Halte dich fern von Sünde, Schande und Verbotenem.« Denn geht die Ehre verloren, ist die Familie ehrlos, und es drohen die Ehrenstrafe und möglicherweise sogar der Ehrenmord! Also ein gezielter Mord, um das Ansehen wieder herzustellen.

Hier stellt sich die Frage, ob sich die Ehre auf ein Stück nackte Haut reduzieren lässt. Kann ein Stückchen unbedeckte Haut die Reinheit der Frau, ihre Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit bedeuten? Diese Denkweise hält sich nicht nur hartnäckig in rückwärtsgewandten traditionell islamischen Kreisen, sie scheint sich in den letzten Jahren sogar noch verfestigt zu haben. Gerechtfertigt wird dieser überkommene Ehrbegriff letztendlich durch die Religion. Und immer wieder machen die obersten muslimischen Führer auf diese Tatsache aufmerksam, wie etwa der oberste Scheich Australiens Taj el-Din Hamid al-Hilali im Herbst 2006. Er stellte in einer Predigt folgende Frage: »Wenn man Fleisch unbedeckt auf die Straße stellt, in den Garten, in den Park oder auf den Hinterhof – und die Katzen kommen und fressen es: Wessen Schuld ist das dann, die der Katze oder die des unbedeckten Fleisches?« und beantwortete sie gleich selbst: »Das nicht bedeckte Fleisch ist das Problem.«

Alles eine Frage der Erziehung

Viele türkisch-muslimische Mädchen werden nach den Gesetzen der streng religiösen Tradition erzogen. Egal, ob sie in der Stadt, auf dem Land oder in der Fremde geboren werden und aufwachsen. Ihr Leben ist fixiert auf ihre Ehre. Und die Mahnungen gegenüber dem anderen Geschlecht bestimmen ihren Alltag. Mit ständig erhobenem Zeigefinger wird die häusliche Erziehungsgewalt in ihren Gedanken, in ihren Herzen und in ihren Köpfen fest verankert. So ist es jungen Mädchen strengstens verboten, ohne Wissen oder Einverständnis ihrer Familien auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Einfach nur ins Kino zu gehen oder in ein Café, eine Theatervorstellung oder ein Konzert zu besuchen, ein Eis essen zu gehen oder einen Spaziergang zu unternehmen ist ihnen nur in – vorzugsweise männlicher – Begleitung erlaubt, vorausgesetzt, der Begleiter gehört zur Familie.

Die Hüterinnen der Tradition

Neben ausgesuchten männlichen Familienmitgliedern gelten auch die älteren Frauen der Familie als geeignete Begleitung. Sie sind die »Hüterinnen der Tradition« und haben in Familie und Gesellschaft eine gewisse Autoritätsstellung, die sich allerdings überwiegend auf das Haus beschränkt. Sie sind immerhin berechtigt, die jüngeren Frauen zu bewachen und zu kontrollieren. Und sie werden mitverantwortlich gemacht, wenn ein weibliches Sippenmitglied die vorgegebenen Grenzen und Verhaltensregeln nicht einhält. Die älteren Frauen, vornehmlich die ab 40, erlangen die von den Männern legitimierte Machtposition, weil sie nicht mehr als sexuelle Verführerinnen betrachtet werden und ihre Ehre nicht mehr verletzt werden kann. Sie sind in der Regel Mutter und haben dadurch Anerkennung und Prestige erhalten, vor allem wenn sie männliche Nachkommen vorzuweisen haben.
Außerdem sind sie – aufgrund der am eigenen Leib erfahrenen Machtlosigkeit – eher geneigt, die im Rang unter ihnen stehenden, jüngeren Frauen zu unterdrücken.

Die weibliche Sexualität ist eine Gefahr

Während die Mädchen vom frühesten Alter an zur Passivität erzogen werden, werden die Jungen von Kindesbeinen an auf die aktive Rolle vorbereitet. Der erste Schritt zur Mannwerdung beginnt mit der Beschneidung des kleinen Jungen. Damit wird er Mitglied der Männergesellschaft. Und schon sehr früh wird dem Jungen vermittelt, dass die Ehre die Wertskala für die gesellschaftliche Position in der öffentlichen Männerhierarchie ist. Nach der islamischen Tradition ist das weibliche Geschlecht physisch und psychisch schwach, ohne Verstand, arglistig und Unheil bringend. Vor allem die weibliche Sexualität ist eine Gefahr. Um das bedrohliche weibliche Geschlecht unter Kontrolle zu halten und unehrenhaftes Verhalten zu verhindern, wird von den Männern erwartet, dass sie ihre Frauen und Mädchen streng kontrollieren. Richtige muslimische Männer müssen sich in dem erstarrten patriarchalischen System behaupten, sich erheben und die nötige Disziplin und Muskelstärke mitbringen. Denn je mehr ein türkischer Mann die Frauen seiner Familie unter Kontrolle hat, umso besser für seine gesellschaftliche Stellung in der Männerhierarchie.

Wenn ein Mädchen der Familie sich unehrenhaft verhält, dann ist die Ehre des Mannes verletzt bzw. befleckt. »Namussuz«  oder »ehrlos« ist ein Mann auch, wenn jemand von außen ein weibliches Familienmitglied angreift oder auch nur belästigt. Vor allem fremde (deutsche) Männer sind die Feinde der weiblichen Ehre. Wenn sie die Mädchen oder Frauen aus der Familie (sexuell) belästigen, anmachen, anfassen, ansprechen oder auch nur schief angucken, sollen sie die harte Hand des muslimischen Mannes spüren. Wenn die Ehre bedroht ist, gilt es sie – notfalls unter Einsatz des Lebens – zu verteidigen und wiederherzustellen.

Wer als Frau in eine muslimische Familie hineingeboren wird, wird als »Eksik Etek« etikettiert, das bedeutet wörtlich übersetzt »fehlerhafter Rock«. Das ist eine jahrhundertealte Bezeichnung aus dem türkischen Volksmund und verdeutlicht einmal mehr die herabwürdigende, erniedrigende Stellung der Frau. Frauen gelten als das physisch und moralisch schwache Geschlecht, ohne Geisteskraft und in jede beliebige Richtung lenkbar. Bildhaft gesprochen wird die Frau zu einem Stück Fleisch erklärt, das leicht zur Beute von jagenden Tieren werden kann, wenn man es unbeaufsichtigt lässt. Frauenehre und Familienehre definieren sich durch die Keuschheit der Frau vor der Ehe und die Pflichttreue der Frau in der Ehe. Frauen dürfen die Regeln zum Schutz ihrer Schamhaftigkeit nicht verletzen und müssen sich den traditionellen Verhaltensweisen unterwerfen. Die da wären: Niemals die sexuellen Lüste eines Mannes wecken. Niemals die eigenen Reize zur Schau tragen. Die Ehre in muslimischen Familien hat viele Gesichter, aber sie ist immer weiblich.

Die Ehre betrifft das Kollektiv

Eine Ehrverletzung oder der Ehrverlust betrifft nie den Einzelnen allein, sondern immer den ganzen Familienclan. Es bedeutet den sozialen Abstieg bzw. den sozialen Tod einer Familie in der religiös-traditionellen Gemeinschaft. Die Entehrung ist wie eine offene Wunde. Jeder in der Gemeinschaft wird fortan bei jeder Gelegenheit an diese Wunde rühren bzw. Salz in sie streuen. Die Angehörigen der »verachteten Familie« (besonders die männlichen) werden in der Öffentlichkeit, auf der Straße, im türkischen Kaffeehaus verspottet und verhöhnt. Gleichzeitig werden die weiblichen Angehörigen der Familie angepöbelt und sexuell belästigt. Man wirft Männern, die ihre Ehre, ihren guten Ruf und ihren Besitz, also Haus, Vieh, Feld und Frauen, nicht schützen können, Machtlosigkeit bzw. Schwäche vor. In den Augen der traditionell muslimischen Gesellschaft sind sie unfähig, ihr »mal«, türkisch für Besitztum (wird auch für Frauen verwendet), gegen potenzielle Gefahren zu verteidigen. Oft werden sie mit diskriminierenden Äußerungen, wie »Soğan Erkeği«, was so viel wie Pantoffelheld bedeutet, betitelt. Oder man wirft ihnen vor, »Adam, adam değilki, adam avrada avrat olmuş«, also kein echter Mann, sondern das Weib eines Weibes geworden zu sein. Sprüche wie diese sind eine tiefe Schmach für jeden »richtigen« Mann. Deshalb setzen die Männer alles daran, ihre Ehre mit starker Hand zu verteidigen. Und im äußersten Fall auch mit Mord im Namen dieser Ehre.

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