Die Rede von Serap Çileli bei der Demonstration und Mahnwache am 16.05.2009 in Stuttgart
Trauerkundgebung für Gülsüm Semin und Morsal Obeidi
Liebe Mitstreiterinnen, liebe Mitstreiter,
mein Name ist Serap Cileli, ich bin Vorsitzende des peri e.V., Buchautorin
und Menschenrechtlerin.
Ich begrüße Sie und Euch alle, die ihr Euch hier versammelt habt, im Namen des peri – Vereins „Verein für Menschrechte und Integration“ und der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes.
Wir haben uns heute hier versammelt, um gemeinsam Gülsüm Semin und Morsal Obeidi, aber auch alle namentlich bekannten sowie namenlosen Opfer „im Namen der Männerehre“ zu gedenken.
Wir haben uns heute hier getroffen, um gegen Zwangsverheiratungen, häusliche Gewalt, sexuellem Missbrauch, gegen den Zwang zur Verschleierung, gegen Bevormundung und Fremdbestimmung der Frauen und Mädchen, unsere Stimme zu erheben.
Wir wollen ein Zeichen gegen diese frauenverachtenden Verbrechen setzen und diese verurteilen.
Wir freuen uns, dass Sie heute hier bei uns sind, mit uns demonstrieren und sich schützend mit den Opfern des islamischen Patriarchats solidarisieren.
In diesem Sinne ist unsere heutige Demonstration auch als Ankündigung an die Politik zu verstehen, dass wir nicht alles mit uns machen lassen. Das wir als demokratisch, freiheitlich denkenden Bürgerinnen und Bürger dieses Landes uns gegen die islamisch- patriarchalisch geprägte kulturelle Ordnung auflehnen.
Und wir wollen es klar und deutlich sagen: Wer religiös legalisierte Vergeltung gut heißt, stellt sich mit Mördern und Verbrechern auf eine Stufe.
Wir wollen zeigen, dass diese Gewalt gegen Frauen und Mädchen – Legitimiert durch den Begriff der Ehre- nicht ungesehen geschieht. Wir wollen aktives Handeln als Aufgabe verstehen und werden Menschenrechtsverletzungen nicht stillschweigend hinnehmen.
Wir werden die Feinde der Menschenrechte und Freiheit, weder tolerieren noch akzeptieren.
Wir wollen Menschenrechte nicht nur fordern, auf den Lippen tragen oder auf dem Papier geschrieben sehen, sondern, wir wollen sie in der alltäglichen Realität als Selbstverständlichkeit erleben und erfahren.
Deshalb ist es gut und richtig, dass wir heute das archaisches Denken und archaisches Handeln die auch heute noch dramatische Praxis sind und unzählige Menschenrechtstragödien verschulden, anfechten und ächten.
Zwangsverheiratungen und „Ehrenverbrechen“ – diese zwei Vokabeln in unserem Wortschatz stammen nicht aus vorigen Jahrhun¬derten. Sie werden nicht im Mittelalter praktiziert. Sondern heute, weltweit, in Europa aber auch in Deutschland.
Diese religiös motivierte und religiös legitimierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der islamischen Diaspora und in der islamischen Welt ist ein einziger Albtraum. Jeden Tag erfahren Frauen in dieser Sippschaft - Gewalt, Tod und Leid. Jeder von ihnen ist zu¬tiefst in ihren Menschenrechten verletzt. Die meisten können sich aus ihrer Notlage nicht selbst befreien.
Deshalb sind wir nicht bereit die regelmäßigen Steinigungen von Frauen unter anderem in Afghanistan, Pakistan, dem Irak, Iran oder Saudi-Arabien und die als „Ehrenmord“ bezeichnete Hinrichtungen von muslimischen Frauen und Mädchen als bedauerliche Einzelfälle werten lassen.
Weil Hinrichtungen im Namen der Ehre sind mitten in unserer westlichen Zivilisation keine bedauerlichen Einzelfälle, sie sind in diesen isolierten Inseln muslimischer Kultur, bittere Normalität.
Frauen und Mädchen werden umgebracht, weil sie sich verlieben, sie werden
tyrannisiert, wenn sie den rigiden männlichen Grenzsetzungen nicht gehorchen.
Frauen und Mädchen werden mit dem Tod bestraft, wenn sie sich gegen Zwangsheirat
wehren, sie werden mit Gewalt und Tod bedroht, wenn sie selbstbestimmt
leben wollen, wenn sie leben wollen wie die Menschen in ihrem neuen Land.
Mädchen, die einen Freund haben oder unverheiratet außerhalb der Familie
leben, werden
Verstoßen. Sie werden als „Hure“ stigmatisiert. Dies wird nicht nur von
den Eltern vertreten, sondern auch von den Brüdern, von den eigenen Schwestern,
Verwandten, Freundinnen und auch von ihren muslimischen Nachbarn.
Mädchen und Frauen werden getötet, weil sie nicht jungfräulich in die Ehe gehen, weil vorehelicher Sex Schande gelten würde. Sie werden enthauptet, weil sie sexuell missbraucht worden sind. Sie werden ermordet, weil sie angeblich die Ehre ihrer Familie beschmutzt haben, für das Verbrechen, das ein Mann an ihnen begangen hat.
Hierzulande, in einem Rechtsstaat, wurden - fast 50 Jahre lang- Zwangsverheiratungen
und Familienrachen unter dem Deckmantel von "Multikulti" geschwiegen,
weggeschaut, verharmlost.
Im Namen einer falsch verstandenen Toleranz wurden zu lange mitten unter
uns Frauenrechte mit Füßen getreten. Auch, weil sie Furcht haben vor Vorwürfen
des Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit.
Wenn wir den Schandemord und Zwangsverheiratungen in Deutschland verhindern wollen, müssen wir die Gründe dafür beseitigen.
Wir müssen muslimischen Mütter, Großmütter und Frauen sagen:
Ihr Frauen, Emanzipiert Euch und werdet selbstbewusster. Ihr erzieht die
Generation der Emanzipation. Wir Erwachsenen leben unseren Kindern die
Rollenbilder vor. Emanzipierte Väter haben emanzipierte Söhne. Emanzipierte
Mütter haben emanzipierte Töchter.
Eure Töchter haben die gleichen Rechte auf eine gewaltfreie Erziehung,
ein selbstbestimmtes Leben und die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit
wie Eure Söhne. Alles andere ist eine schwere Menschrechtsverletzung und
muss bestraft werden. Werdet nicht mitverantwortlich am Leid und Tod Eurer
eigene Töchter.
Wir müssen auch den muslimischen Vätern, Jungen und Männern sagen:
Ein emanzipierter Mann ist ein solcher, der eine emanzipierte Frau neben
sich wünscht. Ihr könnt vom gewachsenen Selbstbewusstsein Eure Frauen
und Töchter profitieren. Wenn Ihr weibliche Angehörige habt, die Frei
und selbstbestimmt leben, wenn Ihr Partnerinnen habt, die Euch aus Liebe
heiraten, die aus freiem Willen mit Euch zusammenleben. Wenn Ihr Töchter
habt, die erfolgreich sind und ihren Weg gehen. Wenn Ihr Mütter habt,
die frei von Gewalt lebt.
Die islamischen Verbände in Deutschland, die der lange Arm der islamisch
regierenden Länder sind, rufen die muslimischen Männer und Frauen dazu
auf, ihre Kinder vor
den - angeblich - moralischen Verfall der westlichen Welt zu schützen,
fern zu halten.
Sie propagieren islamische Lebensweise in unsere Zivilisation. Bemühen sich das Vorbild der idealen „muslimischen Frau“ zu präsentieren, in dem sie insbesondere die Verbreitung des „militanten Kopftuchs“ unter den zuvor unverschleierten Frauen, fördern und anbahnen.
Parolen, die Freiheit, Gleichheit, die sexuelle Selbstbestimmung, autonomes Individuum und Unabhängigkeit für Frauen fordern, finden in ihren Koranschulen, Moscheen oder islamische Internate kaum Gehör.
Diese islamischen Verbände, die zusammen mit Herr Schäuble in der Islamkonferenz sitzen, sind nicht Vertreter der Rechte der Frauen. Sie Vertreten nicht Frauen und Mädchen, die Opfer der islamischen Patriarchats geworden sind. Sie Kämpfen nicht für Frauen und Mädchen wie Gülsüm, Morsal, Gönül oder Hatun, die durch ihre männlichen Familienmitglieder misshandelt, zwangsverheiratet und sogar ermordet worden sind.
Der Prozess der schleichenden Islamisierung der Gesellschaft in Europa
findet leider ohne Widerstand statt. Besonders deutlich werden das die
Frauen zu spüren bekommen, wenn wir
nicht dagegen steuern. Demzufolge der Befreiungskampf der muslimischen
Frauen ist auch Ihr Kampf.
Liebe Mitstreiterinnen, liebe Mitstreiter,
Die Ehre der Frauen ist unantastbar, deshalb verlangen wir:
Lebenslänglich bei „Ehrenmord”!
Lebenslänglich bei Zwangsverheiratung!
Keine kulturelle Toleranz, bei Gewalt und Willkür!
Fast täglich melden sich bei uns besorgte Lehrerinnen, Freunde oder betroffene Frauen und Mädchen selbst. Wir sind nicht bereit die Mädchen und Frauen, die von islamisch- patriarchalischer Gewalt bedroht sind, länger allein zu lassen.
Wir engagieren uns seit Jahrzehnten für die Stärkung der Frauenrechte und fordern deshalb um die Opfer besser zu schützen:
- einen eigenen Straftatbestand „Zwangsheirat“ in das Strafgesetzbuch
einzufügen.
- die Verlängerung von Rückkehroptionen für Frauen und Männer, die ins
Ausland
verheiratet wurden.
- eigenständiges Aufenthaltsrecht von zwangsverheirateten Ehegatten
- Eheaufhebungsfrist von einem Jahr auf drei Jahre verlängern
- Unterstützung durch Jugendhilfeleistungen sicherstellen- auch für junge
Volljährige.
- Erhalt und Schaffung von spezialisierten Beratungs- und Schutzeinrichtungen
- Verbesserung des Opferschutzes und Verstärkung der Präventionsarbeit
Wir werden dieser Forderungen nach wie vor Nachdruck verleihen.
Ein „NEIN - gegen Morde im Namen der Ehre“ ist uns nicht genug, Veränderung
braucht Engagement.
Deshalb dürfen wir nicht nur über diese Phänomene wie Zwangsehe und Familienrache reden, sondern versuchen, es aus der Welt zu schaffen.
Das Blutvergießen im Namen der Familienehre muss endlich aufhören.
Liebe Mitstreiterinnen, liebe Mitstreiter,
die Bekämpfung von Zwangsehen und Familienrache, die Wahrung der Menschenrechte,
die Integration von muslimischen Frauen und Männer, haben wir uns auf
die Fahne geschrieben.
Es liegt noch ein langer Weg vor uns. Aber wir wollen und wir müssen diesen Weg auch gehen.
Machen Sie mit! Werden Sie aktiv! Werden Sie Mitglied in unserem Verein!
Ich danke Ihnen sehr für Ihr Zuhören und Ihre konzentrierte Aufmerksamkeit!