Mein Leben

Mein Leben - Serap Cileli1993 begann mein zweites Leben. Die Flucht und das Frauenhaus lagen hinter mir. Ali Rıza, die Liebe meines Lebens, und ich hatten geheiratet, und ich trug sein Kind unter meinem Herzen. Meine beiden großen Kinder waren bei mir, und wir hatten eine Bleibe gefunden. Die Wohnung war zwar klein und bescheiden, aber wir waren zusammen. Das war die Hauptsache.

Dann wurde meine jüngste Tochter geboren, und mein Glück hätte perfekt sein müssen. Aber das war es nicht. Denn immer wieder fiel ich in ein Loch, und die Geister der Vergangenheit kamen zurück. Das erlebte Leid waberte unter der Oberfläche. Die traumatischen Erlebnisse meiner Vergangenheit, die Zwangsehe, der Selbstmordversuch, die Versklavung und Entmündigung durch meine Eltern, die Flucht und schließlich die schmerzliche Trennung von meiner Familie holten mich immer wieder ein. Manchmal habe ich stundenlang nur vor mich hingestarrt, dann wieder Stunde um Stunde geweint. Ich weiß nicht, was ohne Ali passiert wäre. Immer hat er mir zugehört, immer war er für mich da. Wieder und wieder ging er die schmerzlichen Erinnerungen mit mir durch, nahm mich in den Arm und tröstete mich. Wie selbstverständlich übernahm er die Aufgaben in Haus und Familie, kümmerte sich rührend um seine kleine Tochter und bemutterte meine beiden großen Kinder, als seien es seine eigenen. Ohne ihn wäre ich verloren gewesen.

Dann kam die Wende. Eines Tages brachte er mir eine alte Schreibmaschine vom Flohmarkt mit. Er stellte sie vor mir auf den Tisch und sagte: »Schreib es auf, schreib alles auf!« Aber das war nicht so einfach, denn ich spürte eine Hemmschwelle – wie sollte ich meine persönliche und intime Geschichte der Öffentlichkeit preisgeben? Gleichzeitig sagte mir eine innere Stimme, dass es gut tun würde, sich alles von der Seele zu schreiben. So begann ich – zunächst planlos – die Seiten zu füllen. Immer wieder ging ich zurück in die Vergangenheit, erlebte das Unfassbare erneut. Während ich schrieb, wurde mir die emotionale Abhängigkeit von meiner Familie bewusst, wurde mir klar, wie sehr sie mich geprägt hatte. Ich musste mich von ihr trennen. Das war meine einzige Chance auf ein eigenständiges, selbst bestimmtes Leben. Trotz all dem Leid, das sie mir angetan hatten, war die Abnabelung von Mutter und Vater, von den Geschwistern und den übrigen Verwandten nicht einfach und kostete mich viele schlaflose Nächte und noch viel mehr Tränen. Ich war in einem ständigen Widerstreit zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Kopf und Bauch. Ein Prozess, der sich schwer in Worte fassen lässt. Lange konnten mein Herz und mein Verstand nicht zueinander finden.

Aber das Schreiben hat mir geholfen. Mich dem stummen Blatt Papier anzuvertrauen, war der einzige Weg für mich, den inneren Frieden zu finden. Es war ein Abschiednehmen von meinen Wurzeln und meiner alten Geschichte. Während ich schrieb, habe ich natürlich auch viel gelesen. Ich entdeckte die Frauenliteratur, las über die Rolle der Frau als Mutter und »Hüterin des Hauses« und darüber, dass man uns seit Jahrhunderten weiszumachen versuchte, dies läge in der »Natur der Frau«. Und dass dieses »Naturgesetz« unter keinen Umständen zu missachten sei. Die Lektüre von Betty Friedan, Simone de Beauvoir, Rosalind Miles und Christa Mulack ebenso wie Oriana Fallaci und Taslima Nasrin haben mir nicht nur in meiner Selbstfindung sehr geholfen, ich konnte plötzlich meine eigene Geschichte besser einordnen, und ich begann zu begreifen, dass muslimisch-türkische Frauen seit Jahrhunderten im Namen der Religion unterdrückt und versklavt wurden.

Im Schreiben hatte ich jetzt endlich eine Möglichkeit gefunden, meine Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Eindrücke, Erfahrungen und meinen Zorn gegen jegliche Unterordnung der muslimischen Frauen festzuhalten. Wenn ich alles, was mir widerfahren war, aufschrieb, konnte ich möglicherweise meine muslimischen Leidensgenossinnen vor ähnlichen Ungerechtigkeiten bewahren.

Nach der Veröffentlichung meines ersten Buches (“Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre” – 1999) wurde ich mit vielen Fragen zu meiner Vergangenheit konfrontiert. Die Menschen bei meinen öffentlichen Auftritten, die Journalisten bei Interviews oder die von mir betreuten Mädchen und meine Freunde, alle wollten wissen, ob man seine Vergangenheit überhaupt hinter sich lassen kann? Nein, die Vergangenheit lässt sich nicht einfach vergessen und auch nicht verdrängen. Vielleicht für kurze Zeit, aber sie holt einen doch immer wieder ein, denn sie ist ja ein Teil von einem. »Hinter sich zu lassen«, bedeutet, »mit seiner Vergangenheit abzuschließen«, zu akzeptieren, was passiert ist, und zu erkennen, dass es sich nicht ändern lässt und man weiterleben muss, manchmal auch ohne jemanden, den man liebt. Viele meiner Leserinnen und Leser wollten wissen, wie mein Leben nach meiner Flucht weitergegangen ist. Am meisten interessierte sie, ob ich mich inzwischen mit meinen Eltern und Geschwistern versöhnt habe. Leider gibt es als Antwort darauf nur ein eindeutiges »Nein!«. Meine Eltern und auch meine Geschwister haben mir bis zum heutigen Tag nicht verziehen. Ich, die ich die Ehre der Familie verletzt habe, bin weiterhin ein Stachel in ihrem Fleisch. Sie haben mich verstoßen und für tot erklärt

Sicher war es auch für meine Eltern nicht einfach. Denn in ihren Augen wollten sie ja nur das Beste für mich. Sie hatten alles für ihr Kind getan, hatten versucht, ihm den rechten Weg zu weisen. Ich dagegen hatte sie – anstatt sie zu ehren – nur verhöhnt und Schande über sie gebracht. Am schlimmsten war wohl das Gerede der Verwandten, Bekannten und Nachbarn hier in Deutschland, aber auch zu Hause in der Türkei. Dass man mit dem Finger auf sie zeigte oder hinter ihrem Rücken tratschte, das konnten sie kaum ertragen.

Doch die Antwort meiner Eltern auf alle haltlosen Gerüchte und Lügen war Schweigen. Anstatt mich zu verteidigen und in Schutz zu nehmen, schämten sie sich meiner, schämten sich dafür, dass ich am Leben war. Sie hätten mich lieber tot gesehen. Obwohl ich ein paar hundert Kilometer von meinem Heimatort entfernt lebte und keinerlei Kontakt mehr hatte, wusste ich, was sich zu Hause abspielte. Meine Eltern, vor allem mein Vater, sind lange Zeit mit gesenktem Kopf, hängenden Schultern und leeren Augen umhergelaufen, um so zu demonstrieren, wie es in ihrem Inneren aussah. Dass mein Fortgehen der Seele meines Vaters unvergängliche Wunden zufügte, hat mir sehr wehgetan. Aber dass er sein eigenes Kind verleugnete und bei lebendigem Leib begraben hatte, musste auch ich erst verdauen und lernen, nicht daran zu zerbrechen.

Mein Vater und ich haben die letzten 26 Jahre kein einziges persönliches Wort miteinander gewechselt. Kein einziges! Wie gern hätte ich ihm gesagt, dass ich von Kindesbeinen an stolz darauf war, zuerst ein Mensch und danach eine Frau zu sein. Dass auch Mädchen Fähigkeiten und Intelligenz besitzen, nicht nur die Jungen. Dass auch ich eine eigene Meinung habe. Dass ich es – schon erwachsen – gehasst hatte, ständig belagert und bevormundet zu werden. Dass sich ein Vater seiner nach Emanzipation strebenden

Tochter nicht schämen muss. Dass der Kontakt zwischen Vater und Tochter für die Entwicklung der Tochter sehr wichtig ist und dass er davor keine Angst zu haben brauche. Ich hätte ihn so gerne gefragt, warum er mich immer und immer wieder als »Hure« beschimpft hatte, obwohl ich damals doch gar nicht wusste, was eine Hure ist.

Wie gern hätte ich meinem Vater ins Gesicht gesagt: »Ich bin stolz darauf, dass ich ohne dich, ohne deine Bevormundung ein eigenständiger, selbstverantwortlicher Mensch geworden bin. Ich bin stolz auf alles, was ich bisher erreicht habe. Ich bin stolz auf mich. Ja, ich bin stolz, dass ich die Kraft fand, aus den bleiernen Zwängen eurer Tradition auszubrechen.« Und eines Tages wollte ich zu meinem Vater gehen und sagen: »Man kann nur glücklich sein, wenn man so lebt, wie man selbst es will, und nicht, wie es verlangt wird. Du hattest nicht den Mut umzudenken, hast dich den uralten Traditionen unterworfen und konntest dich nicht von den Zwängen der Fremdbestimmung befreien. Ich musste meinen eigenen Weg finden.«

Doch dazu kam es nicht mehr – mein Vater starb, bevor ich ihn wiedergesehen hatte. Am 18. Dezember 2001, acht Monate nach dem Tod meines Bruders Ferhat, erlag er – wie dieser – einem Herz-Kreislauf-Versagen. Ich war bei beiden Beerdigungen nicht anwesend. Vater hatte mir die Teilnahme an der Beerdigung meines Bruders verboten, und vom Tod meines Vaters erfuhr ich erst Monate später – durch Zufall. Auch die Beziehung zu meiner Mutter war nicht sehr eng. Aber immerhin redeten wir miteinander. Allerdings ging unser Austausch nie über das Alltägliche hinaus. Es gab keine fruchtbaren Diskussionen oder Gespräche, die ich mir von meiner Mutter so gewünscht hätte. Es gab weder Mitgefühl oder Solidarität, Verständnis oder gar körperliche Nähe. Ein liebevolles Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, geprägt von Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Empathie, habe ich nie erlebt. Stattdessen wurde ich sehr früh mit weiblicher Autorität und
Macht konfrontiert.

Gleichzeitig war meine Mutter sprachlos und zerrissen. Sie hatte sich mit ihrer untergeordneten Rolle abgefunden, hatte sich nie gegen die Gewalt, gegen die Fremdheit und Einsamkeit gewehrt. Sie war durch Vaters Einschüchterungen verängstigt und hatte resigniert. Ihre einzige Gegenwehr war Jammern, Weinen und Fluchen, sie konnte nichts anderes tun. Sie wollte den Ernst der Lage nicht erkennen, und deshalb war sie nicht in der Lage, Hilfe zu suchen. Obwohl sie in der Familie die Zügel in der Hand hielt und über vieles bestimmt hat, war sie von ihrem Mann abhängig. Ihre Ehe war unglücklich, aber sie hat ständig versucht, das Unglück mit aufgesetzter Fröhlichkeit zu überspielen. Weder mein Vater noch meine Mutter waren Vorbilder für uns Kinder. Schon deshalb war ich sehr früh im Aufbruch. Ich musste nur die anerzogene Angst überwinden.

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